Christliche Lehre, Menschenbild

Die christliche Lehre ist nicht in allem einfach zu verstehen, was sicherlich auch für andere Religionen gilt. Sie bedarf in Teilen der Erläuterung und Interpretation. Diese wurden in der Frühzeit der Kirche unter anderem von den "Kirchenvätern" gegeben, später von Reformatoren wie Luther. In unserer heutigen Zeit fehlt es nach meinem Gefühl in der Evangelischen Kirche an solchen, das Grundsätzliche betreffenden, auf die Bibel gestützten, zusätzlichen Lehraussagen, die es dem modernen, vielen Einflüssen ausgesetzten Menschen ermöglichen, das Wort Gottes besser zu begreifen. Dagegen gibt es sie in der Katholischen Kirche, zum Beispiel in Form der Papst-Enzykliken, von denen ich einige mit großem Interesse und weitgehender Zustimmung gelesen habe.

Von nicht-kirchlicher Seite las ich:
"Das christliche Menschenbild und die gentechnische Veredelung des Menschen" - aus der Homepage von Günter Einbeck (http://www.aionik.de/) Die Seiten enthalten viele historische, kulturelle und naturwissenschaftliche Details. Wunschziel des Verfassers ist die Erzeugung einer weit über dem heutigen Menschen stehenden neuen Lebensform mit Hilfe von Gentechnik und "Supermaschinen". Das Böse in uns soll sie nicht mehr kennen und im Weltraum "Paradiese" schaffen. - Einbeck äußert sich mehrfach abfällig über Religion, zum Teil in derber Sprache, so z. B. in Aionik I hier: "In unserer Zeit sollte man allerdings die überalterten Ansichten, mit denen Jesus Christus und der Buddha locken, der eine mit der Auferstehung von den Toten, der andere mit der Seelenwanderung, restlos hinausschmeißen."(S. 548) Und auf der nächsten Seite schreibt er: "Alle spiritistisch-okkultistischen Fiktionen wie Seele, Jenseits, Auferstehung von den Toten, Jüngstes Gericht im Jenseits, Leben nach dem Tode ... müssen vollständig abgelehnt und entfernt werden."

Wie anders sieht es dagegen bei Alexander Grothendieck aus! 1928 in Berlin geboren, ist*) er ein berühmter, hochdekorierter, französischer Mathematiker, der seit 1991 zurückgezogen in selbstgewählter Isolation unter anderem über die Zukunft der Menschheit meditiert – ohne Genmanipulation und phantastisch-utopische technische Hilfsmittel.       *) s. Nachtrag!
Grothendieck glaubt an Gott. Zeitweise, so heißt es, spielte er Choräle auf dem Klavier und sang dazu. – Seine Kindheit und das Leben seiner Familie verliefen, politisch bedingt, unglücklich und waren voller Gefahren. Hierüber berichtet ein Fachkollege von ihm, Prof. Winfried Scharlau, in "Wer ist Alexander Grothendieck?".**) Vom gleichen Autor stammt ein Essay über Grothendiecks Text "Les Mutants" (Die Mutanten), und von der französischen Mathematikerin Leila Schneps, einer der letzten, die noch mit Alexander Grothendieck (brieflichen) Kontakt hatte, eine Kurzbeschreibung von dessen "La Clef des Songes" (Der Schlüssel der Träume).       **) Ein Buch mit demselben Titel (und Autor) gibt es seit 2011 hier.
Dies alles finde ich sehr aufschlußreich und beeindruckend. Am meisten aber bewegt mich der Abschnitt 4 in Scharlaus Arbeit: Hanka Grothendiecks autobiographischer Roman Eine Frau. Er vermittelt einen tiefen Einblick in das Leben und die Bestrebungen mehrerer, mit Alexander Grothendieck verbundenen gewesener Menschen und gleichzeitig in die europäische Geistes-, Kultur- und Politikgeschichte der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, die von heute kaum noch vorstellbarem sozialem Elend, von Verfolgung, Flucht und ideologisch motiviertem Massenmord geprägt war. Und man erfährt von starken, wahrheits- und freiheitsliebenden Charakteren wie Grothendiecks Vater. Dieser wurde dem Sohn zum leuchtenden, unauslöschlichen Vorbild.
In jener furchtbaren Zeit gab es herausragende Beispiele tätiger Nächstenliebe, die allerdings, um niemanden zu gefährden, nur im geheimen wirksam werden konnte. Hierzu rechnet die Hilfe, die Wilhelm und Dagmar Heydorn Alexander Grothendieck als Kind gewährten. Sie wird in dem oben genannten Abschnitt 4 von "Eine Frau" beschrieben.
Über den eigenwilligen früheren Hamburger Pastor und großen Menschenfreund Heydorn gibt es, eingebettet in eine Darstellung der Anfänge der Bahá'í-Bewegung in Hamburg, hier einen ausführlichen Bericht. (PDF-Datei mit unscharfer, dadurch etwas anstrengender Schrift, aber, wie ich finde, lesenswert und informativ.)
Prof. Rainer Hering schrieb im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon einen langen Artikel über Heydorn, in dem unter anderem auch dessen "100 Thesen" zum christlichen Glauben wiedergegeben werden. Die betreffende Internetseite ist seit 2011 ohne Registrierung nicht mehr erreichbar.

Nachtrag:
Professor Grothendieck, geb. am 28.3.1928 in Berlin, verstarb am 13.11.2014 in Saint-Giron (Frankreich). Ein Mitglied des "Matheplaneten" schrieb hier einen Nachruf auf ihn mit weiteren Links sowie Bildern.


Ein ebenfalls gläubiger Mathematiker und Physiker des 19. Jahrhunderts, der mit seinen Ideen den Zeitgenossen weit voraus war, so dass er fast unbeachtet blieb, war Herrmann Graßmann (1809-77).[1] Erfolgreich und anerkannt war er dagegen als Sprachwissenschaftler und auch sonst vielseitig aktiv[2] (anfangs tüchtig "scrollen"!). Zum 200. Geburtstag Graßmanns fand 2009 in Potsdam eine internationalen Konferenz über ihn statt. Von ihr stammt die Publikation [3] (markierbare Abschnitte lassen sich automatisch ins Deutsche übersetzen). Sie beschreibt und analysiert Herrmann Graßmanns Schrift "Über den Abfall vom Glauben ..." [4], die er wenige Wochen vor seinem Tode verfasste. Enthalten ist sie in der Linksammlung [5] der digitalisierten gesammelten Werke von Herrmann Graßmann und seinem Bruder Robert. Auf Seite 31 von [4] liest man: "Ich glaube also den in der Bibel geoffenbarten Wahrheiten nicht darum weil sie in der Bibel stehen, sondern weil ich ihre seligmachende Kraft, ihre ewige, göttliche Wahrheit in meinem Bewußtsein erfahren habe."
(Anmerkung: Graßmanns "Ausdehnungslehre" begründete die Vektorrechnung und ihre Verallgemeinerungen und spielt rückblickend in der Geometrischen Algebra eine gewichtige Rolle, s. z. B. [6] und [7].)


Mathematik und Mathematiker wurden jahrhundertelang von führenden Kirchenvertretern abgelehnt und angefeindet, vgl. z. B. hier, Beitrag No. 32. (Auch das gehört zu meinem Thema "Christliche Lehre, Menschenbild" auf dieser Seite.)

Sehr viel besser als das, was über die Höherentwicklung des Menschen unter Einsatz intelligenter Maschinen bei dem oben erwähnten Günter Einbeck steht, finde ich diesen Aufsatz von Peter Möller in seinem philosophischen Online-Lexikon "philolex". Er zeichnet sich durch Sachlichkeit und im Ton durch Zurückhaltung und Bescheidenheit aus.

Vielfältig, phantasievoll, zukunftsgläubig (was wissenschaftlich-technische Perspektiven betrifft), auch erschreckend, ist diese Seite der World Transhumanist Association, 2008 umbenannt in "Humanity+", mit Fragen und Antworten auf deutsch.

"Was bedeutet es, dass der Mensch nach dem Ebenbild und dem Bildnis Gottes geschaffen ist?" –
gut erklärt, finde ich.

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Von einem Atheisten und ehemaligen Pastor stammt der folgende Abschnitt aus einem längeren Text:

"Der Zukunftsmensch steht deshalb gerade auch geistig-existentiell vor einem eigenen Quantensprung, vor einer Rationalen Geburt. Der Mensch wird sein säkulares Denken in der wissenschaftlich-technischen Forschung und Welt konsequent umsetzen müssen in ein konsequent-säkulares Denken im geistig- existentiellen Leben. Er wird das säkulare Denken der technischen Forschung und Welt einbinden müssen in einen konstruktiven geistig-sozialen Wandel. Der Mensch muss allen Ballast der Hinterwelt abwerfen, das heißt, er muss sich von allem lösen, was ihn geistig-traditionell in seiner Öffnung nach vorne hindert und versperrt. Er wird alle veralteten, transzendenten Glaubensmodelle aufgeben müssen. Er wird sich lösen müssen von dem, was ihn geistig-traditionell an die Hinterwelt fesselt. Die denkenden Menschen haben durchsaus aus ihren weltlich-geistigen Fähigkeiten heraus alle Chancen, die unsere moderne Zivilisation zu retten, ja, die Zukunft der Menschen für alle Menschen positiv zu gestalten."

Oft, für mich allzu oft, kommt darin vor, dass der Mensch etwas "muss". Hierdurch werden seine Freiheit und Eigenverantwortlichkeit eingeschränkt. Der propagierte Verzicht auf religöse Transzendenz muss vermutlich erzwungen werden und wird zu nichts Gutem führen. Abschreckende Beispiele reichen von der Französischen Revolution mit ihrem säkularen Kult der Vernunft (Wikipedia) bis in unsere Zeit mit teils vergangenen, teils immer noch bestehenden, atheistischen Diktaturen.

(Übrigens: "Quantensprung" ist in diesem Zusammenhang Unsinn. Dabei machte der Autor, obwohl Theologe, in seinen jüngeren Jahren ein naturwissenschaftliches Praktikum in einem Max-Planck-Institut und beschäftigte sich ausgiebig mit Physik. Und das mit der "Rationalen Geburt" lässt mich sehr an die biblische "Wiedergeburt" denken. Zufall? Oder unbewusstes Relikt aus der Phase der Gläubigkeit, die der Verfasser hinter sich ließ? Dazu noch: Das geknickte Rohr.)

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