Ein königliches Hochzeitsmahl

Das Kapitel 22 des Matthäus-Evangeliums enthält ein Gleichnis von einem König, der zum Hochzeitsmahl für seinen Sohn einlud und dabei von den Eingeladenen boykottiert wird. Die Jesus zugeschriebene Geschichte hier noch einmal als Ganzes wiederzugeben, ist nicht nötig; jeder kann sie für sich selbst nachlesen. Hervorheben, um später auf sie näher eingehen zu können, möchte ich nur ein paar Einzelheiten in ihr:

Der König läßt bestimmte, ihm bekannte Personen zu sich zu Gast bitten, aber jeder von ihnen hat eine Ausrede und kommt nicht. Einige der Eingeladenen gehen so weit, daß sie die vom König ausgesandten Boten töten, worauf dieser die Mörder hinrichten und gleichzeitig ihre Stadt in Schutt und Asche legen läßt. Anschließend befiehlt der König seinen Dienern, alle Leute, denen sie auf der Straße begegnen, zu dem vorbereiteten Fest hereinzuholen. Unter ihnen befinden sich Gute und Böse, wie die Bibel schreibt, und sicherlich auch viele arme Schlucker, denen ein kostenloses, sogar königliches Mahl gerade recht kommt. In der damaligen Zeit und im Orient war es bei hohen Herrschaften üblich (und wird deshalb in der Bibel nicht besonders hervorgehoben), daß jeder Gast beim Eintreten in den Festsaal ein zu dem feierlichen Anlaß passendes Gewand überreicht bekam und es anziehen mußte. Als der König unter seinen Gästen einen Mann bemerkt, der nur seine gewöhnliche Kleidung trug, läßt er ihn an Händen und Füßen fesseln und aus dem Haus werfen.

Dazu fand ich in dieser Predigt [1] folgende Erklärung:
"Jesus erzählte: 'Der König sah einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an?' Das war ja noch freundlich gefragt vom König; da hätte der Gast ja noch etwas Entschuldigendes vorbringen oder um Verzeihung bitten können. Stattdessen heißt es von ihm: 'Er aber verstummte.' Dieser Gast redet überhaupt nicht mit seinem Gastgeber, dem König; er gibt ihm nicht die kleinste Antwort. Wir merken: Auch er verachtet den König – ebenso wie die, die gar nicht erst gekommen sind. Und auch er bekommt den Zorn des Königs zu spüren. ... Offenbar hat dieser Geladene am Eingang das Geschenk festlicher Kleidung zurückgewiesen, oder er hat sich diese Sachen wieder vom Leibe gerissen, weil sie ihm zu unbequem waren oder weil sie ihm nicht gefielen."1

In dem Gleichnis entspricht (weitgehend, s. u.) Gott dem König und Jesus dem Königssohn, dem zu Ehren das Festmahl gegeben wird. Und es endet mit: "Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt."

Dieser Satz führt zu der Frage: Wer sind die Berufenen und wer die Auserwählten?

Die Berufenen scheinen noch einigermaßen klar: es sind halt diejenigen, die anfangs persönlich zu dem Fest geladen waren und sich zu kommen weigerten; später sind es die von der Straße Herbeigeholten oder Herbeigerufenen. Aber wer waren bzw. sind die Auserwählten? Und wozu wurden bzw. sind sie auserwählt? In Kapitel 3 seines Briefes an die Kolosser schrieb der Apostel Paulus:

"12Ihr seid von Gott auserwählt und seine geliebten Kinder, die zu ihm gehören. Darum sollt ihr euch untereinander auch herzlich lieben mit Barmherzigkeit, Güte, Bescheidenheit, Nachsicht und Geduld." (Übersetzung "Hoffnung für alle". Anmerkung: der Begriff "Auserwählt" kommt noch an vielen anderen Stellen der Bibel vor, vgl. z. B. [2].)2

Rätselhaft erscheint, daß der König den Mann, der kein Festgewand anhatte, an Händen und Füßen fesseln ließ, bevor er hinausgeworfen wurde. Was sollte damit bezweckt werden? Etwa, daß er andernfalls vielleicht versucht hätte, wieder hereinzukommen? Das ist wenig wahrscheinlich. – Das Gleichnis mit dem Hochzeitsmahl endet für den Hinausgeworfenen mit der Drohung, daß auf ihn "Heulen und Zähneklappern" warten. Gemeint ist damit die Trostlosigkeit der Hölle. Über Jahrhunderte wurde der bildhafte Ausdruck immer wieder auf seinem genauen Sinn untersucht und verschieden gedeutet, vgl. z. B. hier. (Wikipedia) – Daß der hinausgestoßene Mann schwieg, wird ihm in Bibelauslegungen und Predigten zum Vorwurf gemacht und seine Behandlung wie ein Schwerverbrecher als gerechte Strafe angesehen.3

Abschließend noch dies. Das Festmahl war etwas Besonderes, und ohne zwingenden Grund nicht daran teilzunehmen, eine Beleidigung des Königs. Daß einige der ursprünglich Eingeladenen die Boten umbrachten, war mehr: ein Verbrechen; und daß sie hingerichet wurden, hatten sie sich selber zuzuschreiben. Aber daß der König ihre Stadt in Brand setzte, vermutlich zusammen mit Männern, Frauen und Kindern, die für die Mordtaten ihrer Oberen nichts konnten, war ein noch größeres Verbrechen.

Hier endet m. E. der durch die Erzählung nahegelegte Vergleich von Gott mit dem König. Im Gegensatz zu diesem ist Gott kein rachsüchtiger, grausamer Herrscher, dem seine Untertanen gleichgültig sind!

Anmerkung: Sehr kritisch faßt den Vergleich die Predigt [4] mit einem etwas seltsamen Titel [5] ins Auge. Was in ihr über angeblich von Gott gewollte Zerstörungen und Kriege gesagt wird, ist auch meine Ansicht, die ich verschiedentlich auf dieser "Glaubensseite" zum Ausdruck bringe. – In einer anderen Predigt las ich, daß die Boten von Juden umgebrachte christliche Märtyrer gewesen sein sollen und mit der Stadt das von den Römern im Jahre 70 zerstörte Jerusalem gemeint war.

Ein Parallel-Gleichnis zum Thema "Gastmahl" findet man bei Lukas 14,16-24 4ohne Mord und Totschlag und das Niederbrennen einer Stadt.

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1 Dem wird im Matthäus-Band der Wuppertaler Studienbibel Neues Testament, S. 392, widersprochen. Dort heißt es: "... Der König erwartete von seinem Gast also das hochzeitliche Kleid bereits beim Hereinkommen. Tatsächlich steht nichts von dem Anbieten eines Kleides für jeden Gast. ..." Daß es so war, kann ich mir nicht vorstellen, denn die Gäste wurden ja, wie sie kamen, einfach auf den Straßen aufgelesen. Sie waren auf die Einladung nicht vorbereitet, und kaum einer wird ein Festkleid bei sich gehabt haben, das zu einer königlichern Hochzeitsfeier paßte.
2 Auserwähltheit hat m. E. (ich bin kein Theologe) auch etwas mit Vorherbestimmung (Prädestination) zu tun. Ein, wie ich finde, gut verständlicher, nicht zu sehr ausgedehnter Artikel darüber steht bei [3].
3 Selber denke ich darüber anders. Vielleicht war er schüchtern, und es verschlug ihm in dem Moment die Sprache. (Hier sehe ich eine Parallele zu der Geschichte von Hananias und Saphira. H. wurde angeherrscht und kam gar nicht zu Worte. Vor Schreck starb er, was vielfach als Gottesstrafe interpretiert wird.) Oder der Ausgestoßene war stumm, was in Israel infolge jahrtausendelanger Inzucht nicht selten vorkam; es gab auch viele Taube, Blinde und Geistesgestörte. Oder der Mann verachtete tatsächlich den König (und zwar wegen der von diesem in Brand gesteckten Stadt), wollte es ihm aber natürlich nicht sagen. Daß er trotzdem an dem angebotenen Mahl teilzunehmen versuchte, kann daran gelegen haben, dass er Hunger hatte und hoffte, etwas zu essen zu kriegen.
4 Übersetzung "Hoffnung für Alle"

[1] http://www.predigtkasten.de/P110703.htm
[2] http://www.bibleserver.com/, in das oben stehende Suchfeld ist auserwählt einzutragen.
[3] http://www.heiligenlexikon.de/Glossar/Praedestination.html
[4] http://predigten.evangelisch.de/predigt/~von-gabriele-arnold
[5] "Angst essen Seele auf" - nach dem Titel eines Films von R. Faßbinder, Wikipedia

Eine Hochzeitsfeier in Indien

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