Seit der Antike gab es immer wieder - von Erfolg gekrönte - Versuche, das gesprochene Wort schneller als mit der gewöhnlichen Schrift ("Langschrift") zu schreiben. Die dabei verwendete Kurzschrift mit dem aus dem Griechischen stammenden Namen Stenografie gibt es in unterschiedlicher Form in vielen Ländern. In Deutschland setzte sich nach Vereinbarungen mehrerer Stenografenverbände die Deutsche Einheitskurzschrift (DEK) durch. Als es noch keine oder nur sehr wenige elektrische Diktiergeräte gab, gehörte "Steno" (wie man abkürzend sagte) zur Berufsausbildung von Arbeitskräften im Büro und wurde unter anderem auch in den Volkshochschulen gelehrt. Dort habe ich sie aus Interesse als Junge gelernt. Noch immer benutze ich sie, um rasch etwas zu notieren, und weil inzwischen die meisten Menschen sie nicht mehr lesen können, so dass es sich dabei schon fast um eine "Geheimschrift" handelt. (Bei älteren Personen, die wie ich, Steno lernten, ist letzteres nicht sicher.)

In unserer heutigen Zeit gefällt mir besonders, dass ein hochbegabter Informatik-Professor von der TU Clausthal ein Computerprogramm zur Umsetzung von Lang- in Kurzschrift ersonnen und zur freien Benutzung ins Internet gestellt hat.[1] Mit ihm sehen die ersten beiden Zeilen des Vaterunsers so aus:

Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name.

Mein Stenolehrer und späterer Schulleiter in der "DDR" war ein ein fanatischer Kommunist. In Geschichte und Gegenwartskunde traktierte er uns mit seiner Ideologie. Wir übernahmen sie nicht und blieben heimlich in Opposition zu ihr. Dies offen zu zeigen, war gefährlich.[2][3][4] Wegen seiner Lügen und Hasstiraden gegen alles Westliche und wegen des Stalinkults[5], an dem er sich beteiligte, verachteten wir unseren Direktor und verspotteten ihn, wenn wir unter uns waren. Als er unter nicht öffentlich bekannt gewordenen Umständen sein Amt verlor und gerüchteweise zum einfachen Arbeiter degradiert wurde, kam Schadenfreude hinzu. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" war den meisten von uns fremd - ein Erziehungsprodukt des atheistischen SED-Regimes, dem er diente. Jahrzehnte später, nachdem ich gläubig geworden war, schämte ich mich für meine Haltung ihm gegenüber als Mensch, wenn ich beim Stenografieren bisweilen an ihn dachte. Als er mir nur die Kurzschrift beibrachte, mochte ich ihn im Grunde. Und auch daran [6] dachte ich.

Ein anderer, überaus fleißiger Stenografielehrer schrieb 2000 die gesamte Bibel in deutscher Einheitskurzschrift.[7] (Als ich davon im Internet erfuhr, war es für mich der Anlass zu dieser Seite.)


Das bedeutet: diejenigen, die an Gott glauben und dies lesen können, grüße ich.

(Es ist Eilschrift, eine höhere Stufe der DEK, in der viele Wörter nur aus einem einzelnen Zeichen bestehen, so dass es möglich ist, bei geeignetem, ständigen Training 200 Silben pro Minute und mehr zu stenografieren. Dabei steht es jedem frei, für häufig vorkommende Wörter in seinem Bereich eigene "Kürzel" zu erfinden, was ich hier zum Teil getan habe.)

[1] Prof. Dr. Stanislav Šarman. Zum Programm
[2] Peter Runge: "Weiße Nelken" in Gabriele Schnell: Das "Lindenhotel"
[3] Lutz Borgmann, ehem. Mitschüler aus jener Zeit: "Herr, wir stehen Hand in Hand - Der Kampf gegen die Junge Gemeinde 1953 Potsdam" in: Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung: Zwischen Anpassung und Aufbegehren
[4] Havemann-Gesellschaft: Jugendopposition in der DDR, Plakatausstellung mit bewegenden Einzelschicksalen
[5] Der sowjetische Diktator wurde an Fabriken, Bahnhöfen und anderen öffentlichen Gebäuden mit überlebensgroßen, farbigen Porträts und Spruchbändern gepriesen und nahezu vergöttert, in der Schule anhand von Büchern und Zeitungsausschnitten. Zwei im Internet aufgehobene Textbeispiele von damals, die ich erst später kennenlernte: J. R. Becher: "Danksagung" und ntv-mediathek, Bild 68: "«Der Tag wird kommen, an dem die gesamte Menschheit Stalin huldigen wird und die Historiker erkennen werden, dass Stalins Geburt und nicht die Geburt Jesu Christi den Beginn einer neuen Zeitrechnung markiert hat», so der Schriftsteller und Dramatiker Leonid Leonow."
[6] Lukas 6,37: "Richtet nicht über andere, dann werdet ihr auch nicht gerichtet werden! Verurteilt keinen Menschen, dann werdet auch ihr nicht verurteilt! ... "
[7] Eine Weltrekordbibel in Kurzschrift geerbt

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