Eine alte Geschichte

Gott schuf den Menschen, schreibt die Bibel. Sie bringt damit zum Ausdruck, daß sich der Mensch nicht selbst das Leben gegeben hat. Auch erteilte Gott nach der Bibel den Menschen bestimmte Verhaltensmaßregeln in Form der Zehn Gebote. Dabei hat er uns aber nicht so geschaffen, daß wir diese automatisch erfüllen: stets haben wir die Möglichkeit, sie zu befolgen oder gegen sie zu verstoßen – oder sie einfach zu übersehen und zu vergessen. Die Konsequenz müssen wir allerdings auch selber tragen: Wer die Gebote absichtlich mißachtet, wer nicht an Gott glaubt, der kann nicht erwarten, daß er nach seinem Tode in dessen himmlisches Reich aufgenommen wird, von dem die Bibel an vielen Stellen spricht.

Da es den Menschen insgesamt nie sehr leicht fiel, Gott zu danken, ihn zu verehren und seine Gebote zu achten – das erste davon lautet: "Du sollst keine anderen Götter haben neben mir" und das fünfte: "Du sollst nicht töten" – , gab es schon vor langer Zeit einen besonderen Stand, die Priester, deren Aufgabe es war, die Gläubigen an Gott zu erinnern und die Einhaltung der religiösen Pflichten zu überwachen. Dazu kamen als Mahner und Ausdeuter von Gottes Wort die Propheten.

Einer von ihnen, über den ab dem 17. Kapitel des 1. Buches der Könige berichtet wird, war Elia. Er blieb als einziger von all' seinen Berufskollegen übrig, die von Isebel, der Gattin König Ahabs, ermordet worden waren. Ihr, einer Ausländerin, hatte Ahab einen Baal-Tempel erbauen lassen, und sie hatte sich zum Ziel gesetzt, den Baalskult als Staatsreligion in ganz Israel einzuführen. Elia, ein treuer Anhänger Zebaoths, sprach mit Ahab, der nicht so extrem dachte wie seine Frau, und machte ihm den Vorschlag eines Gottesurteils auf dem heiligen Berg Karmel. Ahab sollte dort mit vierhundertfünfzig Baalspropheten und weiteren vierhundert Propheten der Göttin Aschera (Astarte) erscheinen, während Elia mit ein paar Hilfskräften allein kommen wollte. Ein Brandopfer sollte darüber entscheiden, welcher Gott der richtige sei: Baal oder der eigentliche Gott Israels. Ahab stimmte zu, und beide Parteien trafen sich zu der verabredeten Zeit auf dem Berg. Als erste hatten die Anhänger Baals ihren Auftritt. Sie umtanzten feierlich einen nicht angezündeten Holzstoß mit einem Opfertier darauf und beteten zu ihrem Gott, er möge ihn für sie in Brand setzen. Darüber vergingen viele Stunden, wobei sich die Baalspropheten nach ihrer Gewohnheit die Haut blutig ritzten und in Trance verfielen – doch nichts passierte. Elia verspottete sie und wandte sich schließlich seinem eigenen Opferaltar zu. Von seinen Helfern ließ er ihn noch reichlich mit Wasser begießen; dann betete er zu seinem Gott. Es dauerte nicht lange, da "fiel das Feuer des Herrn herab und fraß das Brandopfer, Holz, Steine und Erde". Das zuschauende Volk war tief beeindruckt, fiel nieder und betete zu Zebaoth. Elia aber ließ die vierhundertfünfzig gegnerischen Propheten festnehmen und hinrichten.

Diese alte Geschichte wurde kürzlich im Kindergottesdienst unserer Gemeinde – ohne den blutigen Ausgang – bis zu elfjährigen Mädchen und Jungen vorgelesen und szenisch dargestellt. Dadurch sollten sie zu dem Glauben gelangen, daß der Gott der Bibel der einzig wahre und wirkliche Gott ist, auf den man sich verlassen kann, wie Elia es tat. Ob dieses Ziel erreicht wurde, bleibe dahingestellt. (Details)

Unabhängig vom aktuellen Anlaß, bin ich der Ansicht, daß die Menschen Gottes Wort im Laufe von Jahrtausenden nicht immer richtig aufgefaßt und danach gehandelt haben. Infolge ihrer Unvollkommenheit mußte es dabei unweigerlich zu Mißverständnissen und Übertreibungen kommen, zu Irrwegen und Widersprüchen. Die gewaltsam endende, religiöse Auseinandersetzung auf dem Berg Karmel, der noch unzählig viele weitere folgen sollten, auch innerhalb des Christentums, bietet dafür ein passendes Beispiel: Ganz offensichtlich verstößt die Hinrichtung der Baalspropheten gegen das oben erwähnte, fünfte Gebot. Elia hätte nach seinem eindrucksvollen Sieg die überwundenen Feinde, von denen sicher ein Teil nunmehr an seinen Gott glaubte, ebensogut auch am Leben lassen können. (In der revidierten Lutherbibel von 1962 steht zudem anstelle von "er richtete sie hin": er schlachtete sie. Diese Ausdrucksweise, die eine Gleichsetzung von Menschen mit Tieren impliziert und unserem heutigen Menschenbild nicht mehr entspricht, wird in neueren Bibelübersetzungen vermieden.)

Im übrigen scheint Jesus vom radikalen Vorgehen Elias wenig gehalten zu haben. Dies geht aus einer scharfen Zurechtweisung hervor, die er nach Lukas 9, 53ff seinen Jüngern erteilte. Sie bezieht sich offenbar auf eine andere Bibelstelle, und zwar auf Kapitel 1 des 2. Buches der Könige. Dort läßt Elia das "Feuer des Herrn" zweimal auf je fünfzig Soldaten samt ihren Offizieren fallen und vernichtet sie. Sie hatten den Befehl, ihn zum kranken Ahasja, dem Sohn und Nachfolger Ahabs, zu bringen. Einem dritten Aufgebot in derselben Größe folgt er widerstandslos, und das bedeutet, daß die ersten hundert Mann durch ihn unnötig starben. Elia geht sehr großzügig mit Menschenleben um.

2.Kön.2,23-24: Der rachsüchtige Elisa (nicht Elias)

Zurück zur Themenübersicht, Teil 1