Die Bibel ist kein Märchenbuch

Mir bekannte Atheisten bezeichneten die Bibel unter anderem als "Märchenbuch". Sie irren sich.

Märchen handeln von verzauberten Prinzen und Prinzessinnen, guten und bösen Feen, von dienstbereiten Flaschen- und Lampengeistern, sprechenden Tieren und vielem mehr, das es in Wirklichkeit nicht gibt. Die meisten Märchen gehen gut aus, bestimmt von der Hoffnung nach Rettung und ausgleichender Gerechtigkeit. In früheren Zeiten dienten sie zur Unterhaltung an langen dunklen Winterabenden und werden bis heute, vor allem von Kindern, immer noch gerne angehört und gelesen.

Biblische Geschichten sind anders. Sie gehen tiefer, enthalten Schweres, Trauriges, das nicht aufgelöst wird. Zwar gibt es auch bei ihnen Märchenhaftes, zum Beispiel Riesen1) (aber keine Zwerge), die wundersame Verwandlung von Wasser in Wein, die Verse 13-16 im 12. Kapitel der Johannes-Offenbarung und Teile des Buches Esther, doch bilden diese Stellen nicht den Hauptinhalt der Bibel wie bei einem Märchenbuch.

Die Heilige Schrift beschreibt den Glauben des Volkes Israel an Gott und sein Leben mit Ihm. Sie berichtet, zum Teil historisch belegbar, von häufig geführten Kriegen, von der Deportation und Vernichtung ganzer Völker, von Fehlhaltungen und Schicksalen einzelner, meist führender Persönlichkeiten. In hundertfünfzig, ein eigenes "Buch" in der Bibel bildenden Gebeten lobten und priesen Psalmisten Gott, dankten ihm, klagten oder baten um Hilfe. Propheten, nicht selten verfolgt und sogar umgebracht, tadelten die Herrschenden wie das einfache Volk, warnten und forderten zur Umkehr auf. Schon allein hierdurch enthält die Schrift eine Fülle an Lehrreichem und Nachdenkenswertem. Nebenbei wird dem Leser immer wieder bewusst, dass die Menschen in alter Zeit im Grunde genommen nicht viel anders waren und handelten als heute. Bei ihnen gab es, um nur einiges zu nennen, wie bei uns Leichtsinn, Egoismus,2) Hass, Verrat. Zusätzlich galten damals Sklaverei und Völkermord als etwas ganz Normales, die heutzutage international geächtet sind. Andererseits enthält die Bibel auch Beispiele von Großmut und uneigennütziger Hilfsbereitschaft, Güte und Barmherzigkeit.

Vor ungefähr zweitausend Jahren kam ein weiterer Glaube auf: an Jesus, einen besonderen Menschen als Mittler zwischen dem unsichtbaren Gott und uns auf Erden. Er lehrte, selbst beispielgebend, friedliches Zusammenleben, dazu Nächsten-, und sogar Feindesliebe3). Auf Betreiben einer in ihrer Macht bedrohten, eifersüchtigen Priesterschaft wurde er von den römischen Besatzern schuldlos zum Tode verurteilt und nach deren Brauch grausam umgebracht. Anschließend wurde er wieder lebendig und kehrte zu Gott zurück. Dies alles wird im neueren Teil der Bibel dargestellt und von vielen Millionen Menschen andachtsvoll geglaubt. Sie finden darin Halt und Trost.

Atheisten können sich das nicht vorstellen, sagen sie, und manche lehnen die Bibel radikal ab. Einer von ihnen schrieb mir sogar, sie müsse "verbrannt" werden. Das erinnerte mich an die Bücherverbrennungen unter den Nationalsozialisten vor gar nicht langer Zeit!

Der mir das schrieb, ist Mathematiker; deshalb ein paar Anmerkungen zu diesem Fach, das ich recht gut kenne. Wie die Glaubenslehre und speziell die Bibel enthält auch die Mathematik von Menschen Erdachtes, das es nicht wirklich gibt. Dazu gehören die Zahlen, quadratische Gleichungen, Differenziale, Vektorräume und vieles mehr. Sie existieren nur in den Köpfen, Gesprächen und Schriften derer, die damit zu tun haben. Auch enthält die Mathematik wie die Bibel unauflösbare Geheimnisse. Große Teile von ihr stützen sich auf die gut hundertfünfzig Jahre alte Riemann-Vermutung (RV), die bis heute nicht bewiesen werden konnte. - Dagegen wurde mit mathematischer Strenge(!) bewiesen, dass es in der Mathematik Aussagen geben muss, die weder wahr noch falsch sind und "unentscheidbar" genannt werden. Ob die RV zu ihnen gehört, ist nicht bekannt. (Wäre dies der Fall, könnte man die Suche nach einem Beweis abbrechen.) Die RV ist nicht die einzige unbewiesene Hypothese, und so steht manches in der Mathematik auf unsicheren Füßen. Dass sie als Ganzes trotzdem gut und sinnvoll ist, wird geglaubt.

Die Mathematik beruht auf Axiomen; das sind unbewiesene und unbeweisbare Annahmen, aus denen zusammen mit Definitionen, d. h. Begriffserklärungen, alles Weitere hergeleitet wird. Diesen Axiomen entsprechen Glaubenswahrheiten im religiösen Bereich. Deren höchstes ist, wenn man so will, und ohne dass es extra so genannt wird, der Glaube an die Existenz Gottes. - Und schließlich: das Vorhandensein unlösbarer Probleme in der Mathematik (als Folge der o. g. Unentscheinbarkeit) hat seine Parallele bei den biblischen Wundern.

Aus alledem geht hervor, dass mehr Ähnlichkeiten und Zusammenhänge zwischen Mathematik und der Bibel bestehen, als mancher denkt. Daher ist es unvernünftig, die Heilige Schrift zu verdammen und sich ihr gegenüber erhaben vorzukommen. Gibt man bei einer Suchmaschine ein: "Mathematik und Bibel", werden viele Seiten zu diesem Thema angezeigt, die das unterstreichen.

Zum Abschluss noch eine Bemerkung: Aladdin und die Wunderlampe, Schneewittchen und die sieben Zwerge, Asterix, Pippi Langstrumpf haben nicht wirklich existiert; sie sind irreal, nur ausgedacht. Trotzdem hält man sie nicht für erlogen und ist böse auf sie, sondern freut sich an ihnen. Mit demselben Recht kann man der Bibel Achtung, ja Liebe entgegenbringen.
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1) Nephilim
2) Beispiel: "Die Wut kocht über" - Krawalle gegen die Coronamaßnahmen in den Niederlanden
3) Diese bedeutet nicht, dass man Feinden und denen, die einem schaden wollen, gleich um den Hals fällt und ihr Verhalten gut findet, sondern dass man sie zu verstehen sucht, ihnen verzeiht und "wohl will", sowie für sie betet, dass sie sich ändern.

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