Über das Buch Esther
oder Wie man Gottes Wirken mißverstehen kann

Das Buch Esther kannte ich schon früher; jetzt aber, im Zusammenhang mit der Aktion "40 Tage Stille" in unserer evangelischen Gemeinde, beschäftigte ich mich intensiver damit. Es war Gegenstand einer Predigt und abendliches Thema in einer von mehreren kleinen Aktionsgruppen, der ich angehörte.

Das Buch besteht aus zehn Kapiteln. Nach jüdischer Überlieferung wurde es um 400 v. Chr. verfaßt. Nicht lange davor regierte der persische König Xerxes ein Riesenreich, das von Äthiopien bis Indien reichte.

Der Inhalt läßt sich so zusammenfassen:

Xerxes verstößt seine Königin Wasti, weil sie sich weigert, auf einem Fest zu erscheinen, auf dem ihr angetrunkener Mann mit ihrer Schönheit vor seinen Gästen prahlen will. Danach läßt er im ganzen Land nach schönen Jungfrauen suchen, von denen eine die neue Königin werden soll. Die Mädchen werden in den Palast gebracht, dort ein Jahr lang einer, wie man heute sagen würde, beauty&wellness-Pflege unterzogen und danach einzeln, Nacht für Nacht, dem König zugeführt.

Zu ihnen gehört Esther, eine Kusine von Mordechai, einem Nachfahren der einst nach Babylonien verschleppten Juden. Esther ist Waise und Mordechais Pflegetochter. Xerxes gefällt sie von allen getesteten Frauen am meisten, und so macht er sie zur Nachfolgerin der verstoßenen Königin. Mordechai hatte Esther eingeschärft, nichts von ihrer jüdischen Herkunft zu sagen, und daran hält sie sich. Noch zu der Zeit, als weitere Mädchen in den Palast gebracht werden, findet Mordechai in ihm eine Anstellung. Dabei erfährt er von einem geplanten Anschlag gegen Xerxes und erzählt Esther davon. Diese sagt es dem König, der die Verschwörer hinrichten und den Vorfall in die Reichsannalen eintragen läßt. Mordechai erhält dabei weder eine Anerkennung noch eine Belohnung.

Der höchste Hofbeamte hieß Haman. Vor ihm mußten sich alle niederwerfen, wenn er vorbeiging. Mordechai weigert sich, dies zu tun und gibt als Grund sein Judentum an. Darauf überredet Haman, wütend und tief beleidigt, den König zu einem Erlaß, nach dem alle Juden im ganzen Land an einem bestimmten Tag getötet werden sollen. Dieser Tag wird durch Los bestimmt und liegt Monate voraus. Die königliche Anordnung führt zu Entsetzen, großer Unruhe und Angst unter den bedrohten Juden. Mordechai läuft, als er davon erfährt, in Trauerkleidung und laut klagend durch die Residenzstadt, und als er schließlich am Eingang zum Palast ankommt, läßt man ihn wegen seiner Kleidung nicht ein. Die Königin erfährt, was draußen los ist und bietet ihm andere Kleider an, damit er hereinkommen kann, doch Mordechai lehnt es ab, sie anzuziehen. Er gibt aber Esther eine Abschrift des Erlasses zur Ermordung der Juden mit und bittet die Königin, sich bei ihrem Mann dafür einzusetzen, daß diese Anordnung widerrufen wird.

Esther will dem nicht folgen, denn es war jedem, einschließlich der Königin, bei Androhung der Todesstrafe verboten, sich dem König unaufgefordert zu nähern. Xerxes hatte sie schon einen ganzen Monat nicht mehr zu sich rufen lassen. Darauf läßt Mordechai ihr ausrichten, sie solle ja nicht glauben, bei dem bevorstehenden Massaker als einzige Jüdin lebend davon zu kommen, nur weil sie im Königspalast wohne. Er fügt hinzu (Vers 4,14): "Wenn du jetzt nichts unternimmst, wird von anderswoher Hilfe für die Juden kommen, du aber und deine Familie – ihr werdet sterben! Vielleicht bist du gerade deshalb Königin geworden, um die Juden aus dieser Bedrohung zu retten." Daraufhin fordert Esther Mordechai auf, zusammen mit allen Juden in der Residenz drei Tage nichts zu essen und zu trinken. Sie werde dasselbe mit ihren Dienerinnen tun und anschließend zum König gehen, wohl wissend, daß sie damit gegen das Gesetz verstoße: "Wenn ich [dadurch] umkomme", sagt sie, "dann komme ich eben um."

Nach drei Tagen geht sie zum König, der sie wider Erwarten gnädig empfängt. Xerxes ist offenbar so erfreut, sie wiederzusehen, daß er ihr die Erfüllung jedes Wunsches bis zur Hälfte seines Königreiches verspricht. Was sie auf dem Herzen hat, sagt sie aber dem König nicht sofort, sondern bittet ihn lediglich darum, zusammen mit Haman am nächsten Tag zu ihr zum Abendessen zu kommen. Haman, der nichts von dem ahnt, was die Königin weiß und vor hat, fühlt sich sehr geehrt. An dem Abend kommt nichts davon zur Sprache. In der folgenden Nacht kann Xerxes nicht schlafen und blättert in den Reichsannalen. Dabei stößt er auch auf die Verschwörungsaffäre, die ihm durch Mordechai bekanntgemacht worden war.

Auch bei dem Gastmahl am nächsten Tag sagt Esther zu Xerxes nichts von ihrem Anliegen. Erst bei einem weiteren Abendessen am übernächsten Tag, kommt sie, nachdem Xerxes sie erneut auffordert, sich etwas zu wünschen, auf den Ausrottungsplan gegen die Juden zu sprechen. Sie sagt (V. 7,3-4) zu ihm, während Haman mit dabei ist: "Rette mir und meinem Volk das Leben! Man hat sich gegen mich und mein Volk verschworen und will uns ausrotten. … Wenn man uns nur als Sklaven und Sklavinnen verkaufen würde, so hätte ich geschwiegen. Dies wäre es nicht wert gewesen, den König damit zu behelligen." Xerxes ist aufgebracht und fragt, welcher Verbrecher das angeordnet hat, worauf Esther antwortet: "Das war Haman!" Dieser, vollkommen überrumpelt und wie vor den Kopf geschlagen, wirft sich der Königin, etwas ungeschickt, zu Füßen, was Xerxes als einen unziemlichen Annäherungsversuch mißdeutet. Haman wird abgeführt und an demselben Galgen aufgehängt, den er für Mordechai vorgesehen hatte. Weil Xerxes nach dem nächtlichen Studium der Reichsannalen von seinen Hofbeamten erfuhr, daß Mordechai für den Dienst, der dieser ihm geleistet hatte, keine Belohnung erhielt, wird das nachgeholt. Mordechai genießt von da an höchste Ehren, die vorher Haman zustanden. Im Andenken an die Rettung der Juden durch Esther führt er das von den Juden noch heute gefeierte Purimfest ein.1

Esthers Bitte, den Vernichtungsbefehl zurückzunehmen, kann Xerxes aus rechtlichen Gründen nicht erfüllen. Deshalb erläßt er ein neues Dekret, durch das es den Juden erlaubt wird, sich an dem bewußten Tag zu verteidigen und ihre Gegner zu töten. Als es soweit ist, besiegen die Juden diejenigen, die ihnen nach dem Leben trachten. In der Hauptstadt bringen sie außer den zehn Söhnen Hamans fünfhundert und im ganzen Land 75000 Feinde um, vergreifen sich aber nicht an deren Eigentum.

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Das Buch Esther ist eine Geschichte mit orientalisch-märchenhaftem Flair und spannender Handlung. Ein armes Mädchen wird Königin, ein mächtiger Bösewicht erleidet gerechte Strafe, und die Guten werden gerettet. Auch daß Esther sich vorher alles bis zum halben Königreich wünschen darf, ist ein altes Märchenmotiv, das hier möglicherweise seinen Ursprung hat.

Kaum zu übersehen sind zwei gedankliche Schwächen. Zum einen ist es unlogisch, wenn Mordechai Esther davor warnt zu glauben, sie werde bei dem geplanten Massaker lebend davonkommen, nur weil sie am Hofe wohnt, denn dort ist ja gar nicht bekannt, daß sie Jüdin ist; Mordechai trug selber dazu bei. Zum anderen erscheint es unwahrscheinlich, daß der König sich nicht mehr an seinen ersten Erlaß erinnert und empört nach dem Verbrecher fragt, der die Vernichtung der Juden anordnete. Er selbst hatte Haman, dem erbitterten Feind der Juden, freie Hand gegeben! ( Vers 3,10-11)

Schwerer wiegt – und führte im Laufe der Jahrhunderte zu zahlreichen Kontroversen über das Buch Esther – , daß in ihm an keiner Stelle Gott erwähnt wird. Damit steht es einzig da in der Reihe der biblischen Bücher.

Mordechais Hinweis in Vers 4,14, daß Hilfe für die Juden "von anderswoher" kommen werde, falls Esther nicht bereit sei zu helfen, ist zu unbestimmt, um diesen Mangel auszugleichen. Auch handelten die Juden, als sie ihre Feinde umbrachten, nicht im Auftrag Gottes, sondern aus eigenem Antrieb.2

Dennoch wird das Buch Esther gelobt – so auch während unserer "Stille"-Aktion – , weil sich in ihm die Weitsicht Gottes widerspiegele und seine Güte, die am Ende alles zum Besten wendet. Die Verstoßung von Königin Wasti, die Wahl des Judenmädchens Esther zu ihrer Nachfolgerin aus einer großen Zahl von Jungfrauen anderer Völkerschaften im persischen Reich, Esthers gnädige Anhörung durch Xerxes, entgegen dem bestehenden Gesetz, die Neutralisierung des von ihm ausgegangenen Tötungsbefehls – dies alles sei, wird behauptet, genau so und in jedem Detail von Gott vorbedacht worden. Dadurch zeige sich Seine Weisheit und Macht, Seine Verläßlichkeit und daß Er der Herr der Geschichte ist. Selbst daß Mordechai nach Xerxes' nächtlicher Lektüre der Reichsannalen für seine Treue belohnt wird, paßt gut zum Gesamtablauf, von dem vielfach gesagt wird, er habe Gottes "Plan" entsprochen.

Dem kann ich mich nicht anschließen. Immerhin kamen bei der Rettung der persischen Juden über 75000 Menschen ums Leben, die nicht zu ihnen gehörten. Als ich das in unserer Kleingruppe erwähnte, wurde es von einem Teilnehmer auf lächerliche, unsachgemäße Weise heruntergespielt, während die anderen dazu schwiegen. Er sagte, solche Zahlen dürfe man nicht so genau nehmen, und verwies, vom Thema ablenkend, auf Noah, der nach der Bibel 950 Jahre alt wurde, was man auch nicht unbedingt glauben müsse . . .

Selber meine ich: Gott hätte, wenn er die Vernichtung der persischen Juden nicht wollte, andere Möglichkeiten ohne die vielen Toten gehabt. Er hätte beispielsweise dem rachsüchtigen Haman einen schrecklichen Traum schicken können, der ihn davon abhielt, die Juden zu verfolgen. Oder der stolze, hochmütige und grausame Oberbeamte wäre bei einem Ritt durch die Residenz vom Pferd gestürzt und hätte sich das Genick gebrochen, bevor er irgendwelchen, nicht wieder gut zu machenden Schaden anrichtete. Oder Xerxes selbst, dieser als charakterschwach und wankelmütig gezeichnete Potentat, hätte den ersten Erlaß gar nicht unterzeichnet, sondern ihn, als er ihm vorgelegt wurde, zurückgewiesen. Schließlich hätten die Juden, ähnlich wie ihre Vorfahren unter Moses aus Ägypten, aus Persien auswandern und in ihre alte Heimat zurückkehren können. Die Möglichkeit dazu bestand und war durchaus vorgesehen3.

In all' diesen denkbaren Fällen wären sie nicht in tödliche Bedrängnis geraten – aber dann hätte es halt nicht die "schöne" Geschichte mit Esther gegeben, deren Historizität im übrigen bezweifelt wird.4  Im Neuen Testament wird sie nirgends zitiert.

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Ich glaube nicht, daß es richtig ist, wenn von Gott behauptet wird, Er habe dieses oder jenes vorgehabt, Seine Pläne seien so und so gewesen. In Jesaja 55,8 heißt es:

"Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege, spricht der Herr.",

und es gibt weitere Bibelstellen, die das zum Ausdruck bringen.

Daran halte ich mich. Im allgemeinen vermeide ich es, über Gottes Wünsche und Sein Wollen nachzudenken oder gar zu urteilen. Die obige bloße Aufzählung einiger anderer theoretischer Möglichkeiten als in dem Esther-Buch steht dem nicht entgegen.5

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1 Purim ist kein religiöses Fest, sondern trägt weltliche, karnevaleske Züge, vgl. z. B. hier: http://www.judenfuerjesus.de/~purim. Zusammen mit anderen Festen wird es auf einer Seite der Bundeszentrale für politische Bildung beschrieben. Aus dem Artikel kann man vieles über das religiöse Leben auch der heutigen Juden lernen. Manches davon fehlt uns Christen.
2 In Kap. 8, Vers 13 wird den Juden geboten, sich zur Rache an ihren Feinden bereit zu halten, und die Überschrift von Kapitel 9 lautet "Die Juden rächen sich an ihren Feinden" (Luther-Übersetzung). Das Gebot geht von König Xerxes aus, nicht von Gott. Nach 5. Mose 32,35 sagt der Herr: "Die Rache ist mein; ich will vergelten." Zitiert wird der Vers von Paulus in Röm. 12,19 nach der Aufforderung: "Rächet euch selber nicht, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes, ...". – Mit der Zeile: "'Mein ist die Rache', redet Gott." endet auch das ergreifende Gedicht Die Füße im Feuer des großen Schweizer Dichters Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898).
3 Esra 1,1-2
4iHierauf wird an verschiedenen Stellen im Internet hingewiesen. Dieser Artikel: http://katholische-theologie~das_buch_Esther bezeichnet sie als "Novelle" und frei erfundene Erzählung.
5 Das Buch Esther enthält keinen Hinweis darauf, daß Gott es war, der die persischen Juden vor der Vernichtung bewahrte, und auch keinen Dank dafür an Ihn.6
In unserer Zeit, bei der Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten, fehlte göttlicher Beistand, und es gab für die Opfer dieses furchtbaren Verbrechens keine Hilfe! Das Böse, Sündhafte auf Seiten der Täter behielt die Oberhand. So war es auch bei Massenmorden an anderen Bevölkerungsgruppen im Laufe der Geschichte und in vielen Teilen der Welt.
Wann Gott rettend eingreift und wann nicht, ist nicht vorhersehbar. Ein fester "Plan", nach dem das jeweils geschieht, bleibt uns, falls er existiert, verborgen. Siehe hierzu auch die Ansichten führender jüdischer und christlicher Geistlicher und Theologen im Zusammenhang mit dem Holocaust bei Wikipedia.
6 Im Internet finden sich Formulierungen wie "Gottes stilles Wirken" und "Gottes bewahrende Macht". Auch wird behauptet, Esther habe sich "ganz Gott und seiner Führung" anvertraut, obwohl in dem ganzen Buch Gott nicht vorkommt.

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