Armenien - ältestes christliches Land

Im Herbst 2016 waren meine Frau und ich in Armenien. Nicht zum Urlaub, sondern bei einer zehntägigen Studienfahrt. Armenien interessierte uns schon länger, und so waren wir erfreut, als sich jetzt eine günstige Gelegenheit ergab, das Land, seine Geschichte und Kultur näher kennenzulernen. Von allen christlichen Ländern ist Armenien das älteste.

Angeboten und geleitet wurde die Fahrt vom Mitbegründer eines renommierten süddeutschen Reiseunternehmens, das seit über dreißig Jahren Studienreisen in den Mittelmeerraum (im weiteren Sinne) organisiert und uns von früher in bester Erinnerung war. Vor Ort unterstützte ihn eine in vieler Hinsicht hochgebildete Armenierin mit tadellosem Deutsch. Mittleren Alters, erlebte sie die Zeit vor der Unabhängigkeit Armeniens von der Sowjetunion schon als Erwachsene. Dies war für uns von Bedeutung, als es um die jüngere Geschichte Armeniens ging. Die Reste und Fehlentwicklungen aus jener Zeit sind bis heute unübersehbar, und wir erfuhren Einzelheiten über sie, die in Büchern und im Internet kaum oder gar nicht erwähnt werden.1)

Sehr geschickt und umsichtig war unser Busfahrer, der uns, besonders auf zahllosen Haarnadelkurven in den Bergen und zeitweise bei Dunkelheit sicher zu den vorgesehenen Besuchszielen und wieder zurück brachte.

Lobenswert ist auch die armenische Küche mit viel Gemüse, die wir in den Hotels und unterwegs in Bauerngärten oder Straßenrestaurants genossen.2)

Das heutige Armenien hat eine Fläche von dreißigtausend Quadratkilometern und ist damit geringfügig größer als unser Bundesland Brandenburg. Im ersten Jahrhundert vor Christus war es mit ca. drei Millionen Quadratkilometern hundertmal so groß [1] und wurde seither durch gewaltsame Gebietsabtrennungen – zuletzt im 20. Jahrhundert, als neunzig Prozent seiner noch bestehenden Fläche an die Türkei verloren gingen – immer kleiner. Es gab lange Perioden der Fremdherrschaft, in denen Armenien als eigener Staat nicht existierte. Von 1921 bis 1991 gehörte es als sozialistische Republik zur Sowjetunion. Bei unserer Reise hatten wir das Glück, den 25. Jahrestag der staatlichen Unabhängigkeit Armeniens mitzuerleben.

Mit ihr ist das Land, das von seinen Bewohnern nicht Armenien, sondern Hayastan genannt wird, noch nicht aus der Gefahrenzone. Es grenzt an die ihm feindlich gesinnten Länder Türkei und Aserbeidschan im Westen und Osten. Die Beziehungen zum nördlichen Nachbarland Georgien leiden unter dortiger politischer Instabilität (Wikipedia, Jan. 2016). Zeitweise gab es, wie uns die Reisebegleiterin erzählte, eine Wirtschaftsblockade gegen Armenien, die nur durch eine Luftbrücke gemildert werden konnte.3) Blockade in den Jahren 1948-49. Im Gegensatz zu den genannten Ländern half der Iran, der im Süden an Armenien grenzt, dessen Einwohnern durch Lieferungen von Getreide, Öl und anderen Grundnahrungsmitteln. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind freundlich, obwohl ein größerer Unterschied in Religion und Staatsform als bei ihnen kaum denkbar ist. Seit dem Jahre 301 ist Armenien ein christliches Land und seit der Unabhängigkeit eine Demokratie, Iran dagegen ein islamischer "Gottesstaat". (Über die Gründe für dieses seltsame Zusammengehen lässt sich einiges vermuten, doch möchte ich es hier nicht tun.)

Armenien ist sehr gebirgig mit wenig nutzbarer Ackerfläche. In den Tälern, soweit sie fruchtbar sind, werden Obst (darunter Feigen, Granatäpfel und Aprikosen – ihre Farbe hat der unterste Streifen der armenischen Fahne) und Gemüse angebaut. Ein Teil der Berge, oftmals erloschene Vulkane, enthält Erze wie Kupfer und Molybdän. Auf unseren Fahrten sahen wir gelegentlich Schafe, Ziegen und Rinder, die das im Laufe des Sommers verdorrte Gras abweideten. Wir lernten Hochebenen auf 1400 Metern kennen und überquerten Pässe mit über 2000 Metern, die zum Kaukasus gehören. An der Grenze zur Türkei bewunderten wir den weißen, schneebedeckten Berg Ararat, der früher zu Armenien gehörte und jetzt auf türkischem Gebiet liegt. Er ist das Nationalsymbol der Armenier und erscheint im Staatswappen der Republik Armenien. Dies war schon der Fall, als Armenien noch zur Sowjetunion gehörte. Beanstandet wurde das seinerzeit von der türkischen Regierung mit der Begründung, dass die Araratregion nicht von Armeniern bewohnt wird. Der damalige sowjetische Außenminister Gromyko soll darauf geantwortet haben, dass die Türkei den Mond in ihrer Flagge zeigt, obwohl kein Türke auf ihm lebt. – –

Bisher bin ich noch nicht auf das Schrecklichste eingegangen, das die Armenier in neuerer Zeit erlebten: die gezielte Auslöschung von ca. anderthalb Millionen Angehörigen ihres Volkes durch die Türkei im Jahre 1915. Über die Vorgeschichte dieses Völkermordes, dem jahrelang Massaker an Armeniern vorangingen, seinen Verlauf und die politisch-rechtlichen Nachwirkungen kann man sich hier bei Wikipedia informieren.4)

In Jerewan, der Hauptstadt Armeniens, wo wir unsere Fahrten durch das Land begannen, gibt es auf einem Berg eine Gedenkstätte für die Opfer des Völkermords mit einem Museum, einem schmalen Obelisken und einem Mausoleum mit Ewiger Flamme. Ergreifende Klagelaute schallen über den ganzen Platz. Das Museum besuchten wir nicht als Gruppe, sondern einzeln und schweigend. Unsere Begleiterin hatte vorher gemeint, zu der ausführlichen, genauen und bedrückenden Dokumentation des Verbrechens an den Armeniern seien keine zusätzlichen, erklärenden Worte nötig, und sie hatte recht.

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1) Dazu gehören seinerzeit in Moskau für die gesamte Sowjetunion einheitlich bis ins kleinste Detail festgelegte, nicht erdbebensichere Hochhäuser mit vorgeschriebenen sieben Quadratmetern Wohnfläche pro Person, die einen verkommenen äußeren Eindruck machen, sowie nicht mehr betriebene, vor sich hinrostende Industrieanlagen.
2) Einmal aßen wir unterwegs in einer einfachen, aber gemütlichen Gaststätte bei einer syrischen Flüchtlingsfamilie. Unsere Reisebegleiterin sprach sehr positiv über christliche Immigranten aus dem kriegsgeplagten Land, von denen Armenien 17000 aufnahm. Dabei erwähnte sie, dass der armenische Staat den Flüchtlingen ein kleines Startkapital zum Aufbau einer wirtschaftlichen Existenz, etwa im Dienstleistungsgewerbe, zur Verfügung stellte. Sie meinte auch, dass die Armenier, was Eigeninitiative angeht, von den Neuankömmlingen noch lernen könnten. (Anmerkung: es gibt ca. 10 Millionen Armenier; die meisten, ca. 7 Mill., leben im Ausland und sind selber Flüchtlinge oder deren Nachkommen.)
3) Diese Worte erinnerten mich an die Berliner Blockade und Luftbrücke (1948/49), die ich als Jugendlicher miterlebte. Video
4) Ergänzung: Einer der damals führenden Ideologen des Türkismus, Dr. Nazim Bey Selanikli, sagte Anfang 1915: "... Es ist daher dringend erforderlich, das armenische Volk vollständig auszurotten, so daß kein einziger Armenier auf unserer Erde übrigbleibt und der Begriff Armenien ausgelöscht wird." [2]   Ähnlich dachte Hitler bei seinem Massenmord an den Juden.

[1] Artak Movsisyan: Illustrierte Zeittafel der Geschichte Armeniens, Jerewan 2016, ISBN 978-9939-0-1819-5, 29 Seiten, S. 20
[2] aus: Tessa Hoffmann: Annäherung an Armenien, Geschichte und Gegenwart, Verlag C. H. Beck, 2. Aufl. 2006, S. 95f

Nun folgen Bilder von der Reise:


Blick auf Jerewan vom Hochplateau der ehemaligen Königsburg Erebuni aus (8. Jhdt. v. Chr.)   mehr darüber (engl.)
Yerevan Erebuni (patriotisches Lied, Text)  mehr Musik: hier und hier (von S. G. Soghomonian), klick auch auf MEHR ANZEIGEN


im Erebuni-Museum


über dem Museumseingang














25 Jahre Unabhängigkeit          (rechts Staatswappen mit Berg Ararat in der Mitte)

Jerewan, Platz der Repubklik (6x)



ein zum Glück nur noch seltenes, unauffälliges Überbleibsel aus der Sowjetzeit (aufgenommen 2016)


Fahnen in den Nationalfarben wehen zum Tag der Unabhängigkeit.







Zum Andenken an den Heiligen Mesrop Maschtoz, der um das Jahr 403 den Armeniern ein eigenes Alphabet brachte:

Jerewan, vor dem Gebäude der Handschriftensammlung Matenadaran (arm. für Bibliothek, UNESCO-Weltkulturerbe), mehr s. u.


Im Ausstellungsraum (kleines Bild aus der Miniaturen-Galerie). Um die einzelnen Buchmalereien und Miniaturen anzusehen, klicke man hier in der weißen Leiste auf das Gewünschte. Am rechten Ende der Leiste weiter mit dem Pfeil.


Hohe Steinfiguren der armenischen Buchstaben auf freiem Feld und Anziehungspunkt für Schulklassen

Jerewan: Mausoleum mit ewiger Flamme; Obelisk






In der Kathedrale von Edshmiatsin, dem geistlichen Zentrum der Armenisch-Apostolischen Kirche:






Am Eingang des Zentrums:




Weiter durch das Land



Ein sogenannter Kreuzstein, von denen es viele in Armenien gibt – und alle sind sie voneinander verschieden.








Nach der Bibel (1Mose8;4) landete die Arche Noah "im Gebirge Ararat".

Hier geht es noch zu einem schönen Internetfoto des Großen Ararat: http://p5.focus.de/img/fotos/~apr-08-2015~.jpg,
im Vordergrund mit dem Kloster Chor Virap, das wir ebenfalls besuchten, und hier zu einem Panoramablick über Jerewan mit dem Großen und Kleinen Ararat: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/8a/Mount_Ararat~.jpg.
(jeweils von dort wieder hierher mit dem "Zurück"-Pfeil  o. ä)

Ergänzung zu den Handschriften
Meist auf Pergament handgeschriebene und -kolorierte Bibeln und andere Texte wurden nicht nur in den Klöstern aufbewahrt, sondern auch in gläubigen Familien. Dort galten sie als das Kostbarste, was es gibt, und wurden ehrfurchtsvoll von Generation zu Generation weitergegeben. Bei den Vertreibungen aus ihren Heimatgebieten, denen die Armenier im Laufe ihrer bewegten Geschichte immer wieder ausgesetzt waren – am schlimmsten beim Völkermord 1915 –, nahmen sie auf ihren beschwerlichen Wegen, die oft zu Todesmärschen wurden, vor allem ihre heiligen Schriften mit. Manche der Unglücklichen vergruben sie, wenn sie nicht mehr weiter konnten, in der Hoffnung, dass irgendjemand sie irgendwann wiederfindet, was durch Zufall auch mehrfach geschah. In ruhigeren Zeiten und wenn niemand aus der Familie da war, dem man sie vererben oder schenken konnte, fanden die Handschriften endgültige Aufnahme im Matenadaran. Auch heute noch kommt alle paar Monate das eine oder andere Exemplar neu hinzu, was groß gefeiert wird. Von Spezialisten aus vielen Ländern werden sie gesichtet, restauriert, zeitlich eingeordnet und inhaltlich interpretiert, und manche werden für ein interessiertes Publikum ausgestellt. In den Ausstellungsräumen werden sie von fachkundigem Personal, unter anderem auf Deutsch, mit spürbarer Begeisterung erklärt. Das erlebten auch wir mit unserer Reisegruppe.

Zum Abschluss
Unsere Reisebegleiterin gehört, wie sie sagte, ihrer Kirche mit großer Freude an und erzählte uns viel über sie. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir dies:
Während der Sowjetzeit wurden alle Kirchen, die die Wirren der Zeit überstanden hatten, geschlossen, ihre Priester ermordet oder nach Sibirien verbannt. Nach der Unabhängigkeit Armeniens belebte sich der Glaube neu; die Menschen gehen viel häufiger in die Gottesdienste als bei uns, obwohl das für niemanden Pflicht ist. Es gibt keine Kirchensteuer; die Priester werden von den Gläubigen bezahlt. In der Armenischen Kirche gibt es keine Dogmen wie in der Römisch-Katholischen, außer den dreien, die im Anfang des aramäischen Glaubensbekenntnisses über die Natur oder das Wesen Jesu Christi enthalten sind, vgl. hier. Über den Glauben diskutiert man nur selten und ungern.
Die Ehe im herkömmlichen Sinn als lebenslange Gemeinschaft von Mann und Frau ist in der armenischen Kirche ein Sakrament, d. h. heilig. (Für die Evangelische Kirche in Deutschland, EKD, sind nur die Taufe und das Abendmahl Sakramente.) Andere Formen des Zusammenlebens, wie sie in westlichen Ländern von interessierter Seite sehr selbstbewusst und zum Teil aggressiv propagiert werden, sind in Armenien nicht populär. Die Kirche betrachtet sie als Privatangelegenheit, hält sich von ihnen fern und unterstützt sie nicht.
Zum Opfer haben die armenischen Gläubigen eine andere Einstellung als die meisten anderen Religionen. Während man bei diesen Gott oder den Göttern Opfer darbringt, um sie zu besänftigen und gnädig zu stimmen, und weil man selber eine Gegenleistung von ihnen erhofft (Sündenvergebung, Hilfe in schwierigen Situationen u. a.), ist es bei den Armeniern gerade umgekehrt: sie opfern Gott aus Dankbarkeit für bereits erhaltene Wohltaten; der ausgeprägte Opferteil in den Gottesdiensten ist vor allem ein Dankgottesdienst. Doch dabei bleibt es nicht. Bei sich zu Hause stellen sie von Zeit zu Zeit aus selbst erzeugten landwirtschaftlichen Produkten in einem langwierigen Verfahren nach altem Rezept eine nahrhafte "Opferspeise" her und verschenken sie an notleidende Nachbarn wie auch an Fremde, zum Beispiel in den erwähnten Hochhäusern. Und wer das nicht kann, hilft mit Sachspenden oder Geld. Diese Art tätiger Nächstenliebe hat mich, als ich durch unsere Reisebegleiterin davon erfuhr, tief beeindruckt.

Eine bedauerliche Absage

Anhang: eine kurdische Stimme zum Völkermord an den Armeniern (2005)

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