Aus den Ruinen

Die klimatischen Bedingungen auf dem neu entdeckten Planeten erschienen nicht ungünstig: weder herrschte an seiner Oberfläche, wie bei einem der Nachbarplaneten, die Temperatur des schmelzenden Bleis, noch umgab ihn ein dicker Eispanzer. Der größte Teil war von flüssigem Wasser bedeckt. Der Planet hatte eine Atmosphäre mittleren Drucks, die einen nicht gleich zerquetschte und anscheinend aus ungiftigen Gasen bestand. Allerdings zeigte sich, nachdem ein Teil der Mannschaft für eine erste Erkundung das Raumschiff verlassen hatte, dass die Luft schwach radioaktiv war. Dies störte die Besucher aus dem All nicht, denn sie waren dagegen immun, doch war es eine interessante Erscheinung, die sie sonst noch nirgendwo angetroffen hatten.

Am Boden wuchsen wenige niedrige Pflanzen; meist war er völlig öde und kahl. Lebewesen, die sich zu Lande, im Wasser oder in der Luft bewegen konnten, waren nicht zu entdecken. Das Tageslicht wirkte seltsam zerstreut, der Himmel war einheitlich grau, nicht blau; es gab keine Wolken.

Die Neuankömmlinge inspizierten nicht nur die eine Stelle, an der sie zuerst gelandet waren, sondern flogen mit ihrem Schiff an zahlreiche andere Orte. Dabei stießen sie eines Tages doch auf Spuren von Leben, besser gesagt: auf vermutliche Reste davon. Aus dem Sand ragten Stein- und Metallteile, die unmöglich natürlichen Ursprungs sein konnten. Schweres Gerät musste heran, und die Fremden begannen mit Ausgrabungen. Arbeitsgruppen für die verschiedensten Sachgebiete, von der Biologie bis zur Sprachwissenschaft, wurden gebildet; ein ausgedehntes Forschungsprogramm stand ihnen bevor.

Alles, was sich an der Oberfläche des Planeten oder dicht darunter befand, war ebenfalls radioaktiv, vom selben Grade wie die Luft; die Strahlung verringerte sich mit zunehmender Tiefe. Es strahlten auch die Skelette von Wirbeltieren, die die Forscher als erstes fanden. Diese waren nicht viel größer als sie selbst. Der Tod musste die Tiere sehr plötzlich ereilt haben, denn viele Skelette, oder was davon noch übrig war, lagen mitten auf den Straßen zwischen den Trümmern, die einst wohl Behausungen gewesen waren.

Bei diesen Behausungen handelte es sich um keine einfachen Höhlen; das konnte man immer noch gut an ihnen feststellen. Vielmehr hatten die meisten definierte geometrische Formen, als sie noch nicht zerstört waren; dabei wurden Quader, Prismen und Pyramiden offenbar bevorzugt. Auch die Straßen verliefen ursprünglich glatt und gerade. Alles ließ einen planenden Geist und große technische Fähigkeiten erkennen. An den Straßenrändern fand man gelegentlich zusammengeschmolzene Klumpen von Metall, nicht-natürlichen Materialien aus Kohlenwasserstoffen und Glas; sie mochten von Fahrzeugen oder anderen Transportmitteln stammen und wurden ebenfalls sorgfältig untersucht.

Diese Schmelzklumpen sowie Brandspuren, die überall zu sehen waren, deuteten darauf hin, dass die Gegend, in der die ersten Ausgrabungen stattfanden, zumindest zeitweise sehr hohen Temperaturen ausgesetzt war. Worin die Ursache dieser Katastrophe bestand, und wie lange das Ganze gedauert hatte, blieb vorerst unklar.

In das Innere der ehemaligen Häuser zu gelangen, war nicht einfach; die meisten bestanden nur noch aus Schutthaufen. Einerseits musste man, um Zeit zu sparen, zügig vorangehen, andererseits genügend feinfühlig, um nicht noch mehr zu zerstören, als schon zerstört war.

Umso aufschlussreicher war die Ausbeute. Jeder Tag brachte Neues, Überraschendes. Langsam festigte sich das Bild, das sich die Fremden von den getöteten Tieren machten, deren Skelette ihre Aufmerksamkeit gleich zu Anfang erregt hatten.

Die unbekannten, früheren Bewohner der Gegend beherrschten nicht nur die Baukunst, einschließlich des Straßenbaus, sondern auch die Elektrizität. Überall stießen die Ausgräber auf elektrisch leitende Verbindungen zwischen den Gebäuden, und in den Wohnungen selbst fanden sich Überbleibsel von Geräten, die durchaus elektrischer Natur gewesen sein konnten. Einige waren, soweit noch zu erkennen, in ihrem inneren Aufbau ziemlich kompliziert und trotzdem sehr verbreitet. Und immer gab es in der unmittelbaren Umgebung dieser Geräte auch Spuren von Glas.

Eines Tages gelang den Forschern ein wichtiger, bedeutsamer Fund. In einem tiefgelegenen Keller, zu dem die starke Hitzewelle nicht vorgedrungen war, entdeckten sie noch intakte Geräte der genannten Art; jedenfalls vermuteten sie es auf Grund bestehender Ähnlichkeiten mit den Resten in den Wohnungen. Für das Ingenieurteam des Raumschiffs war es eine reizvolle Aufgabe, den Zweck und die Funktion dieser Geräte zu ergründen.

Eigentlich waren es zwei Arten von Geräten, die in dem Keller gefunden wurden und allem Anschein nach zusammenwirkten. Das eine besaß, wie schon durch die Funde in den zertrümmerten und verbrannten Häusern nahegelegt wurde, einen Sichtschirm aus Glas, während in das andere eine Spule aus sehr dünner, aufgewickelter Folie gesteckt werden konnte. Auf dieser war eine geheimnisvolle Botschaft in magnetischer Schrift aufgezeichnet, und es gelang den Ingenieuren nach einer Reihe von Versuchen herauszufinden, was sie bedeutete.

An der Bekanntgabe der mit großer Spannung erwarteten Ergebnisse nahm die gesamte Mannschaft teil. Die gespeicherten Informationen stellten keinen Text, sondern Bilder dar, bewegliche, farbige Bilder. Dazu gab es Töne: Sprache und von Zeit zu Zeit Musik. Nun wusste man, was das für Tiere waren, die früher hier gelebt hatten; man sah sie, wenn auch nur als Abbild, leibhaftig vor sich. Ihr anatomischer Bau war derselbe wie bei den radioaktiven Skeletten zwischen den Ruinen. Sie bewegten sich aufrecht auf zwei Beinen.

Jetzt ging es darum, mehr über sie zu erfahren. Dazu musste vor allem ihre Sprache verstanden werden. Dies war eines der mühevollsten Details in dem ganzen Projekt. Sprachforscher, Informatiker und Kryptologen, Mitglieder der Raumschiffbesatzung, die auf ihrem Heimatplaneten als Amateure mit dem Theater zu tun hatten, Lehrer und andere, an dem Problem Interessierte bissen sich an ihm fast die Zähne aus.

Aber es gelang, zumindest ansatzweise. Bei weiteren Grabungen wurden noch mehr Bildspulen gefunden (und auch mehr Abspielgeräte), so dass schließlich eine große Menge an Forschungsmaterial zusammenkam. Einige Aufzeichnungen hatten offenbar Ausbildungscharakter und wandten sich, wie man unschwer an den Größenverhältnissen erkennen konnte, an die Jungtiere des Planeten. Bestimmte Gegenstände und Tätigkeiten wurden dabei, in eindrucksvoller Weise durch Gesten unterstützt, mit Worten benannt; die Bedeutung anderer Teile der unbekannten Sprache ließ sich aus dem szenischen Zusammenhang der jeweiligen Spielhandlung erschließen. Dennoch blieb vieles unverständlich.

Alle gefundenen Aufzeichnungen, nicht nur diejenigen zur Belehrung und Erziehung der Jungtiere, waren ursprünglich von zentralen Orten aus durch die Luft oder spezielle elektrische Leitungen in die einzelnen Häuser des Planeten übertragen worden, deren Bewohnern sie begierig aufnahmen. Vieles diente zur Unterhaltung, doch gab es auch anderes.

So trafen zum Beispiel die erwachsenen Tiere häufig zu Sitzungen zusammen, in denen nur gesprochen wurde, ohne dass sonst etwas dabei passierte. Die Teilnehmer redeten, wie noch einigermaßen leicht herauszufinden war, über gesellschaftliche, politische Probleme, die sich auf zu anderer Zeit in den reinen Informationssendungen berichtete, konkrete Ereignisse bezogen. Diese wurden in den Gesprächsrunden gedanklich vertieft, wobei die Betreffenden sich nicht immer einig zu sein schienen und sich öfter sogar stritten. Immer wieder fielen in solchen Sendungen Wörter mit abstrakter Bedeutung, die sich die Fremden vom anderen Stern nur schlecht oder gar nicht erklären konnten. Hinzu kam, dass manche dieser Wörter, je nach dem Zusammenhang, in dem sie gebraucht wurden, eine unterschiedliche Bedeutung zu haben schienen. Insgesamt war es dadurch nicht leicht, die Sprache der so plötzlich ums Leben gekommenen Tiere vollständig zu enträtseln.

Hier half schließlich etwas anderes weiter. Man fand, in feuerfesten Metallbehältern eingeschlossen, dünne Blätter aus einem feinfaserigen, weißen Material, die, teils einzeln, teils in Stapeln miteinander verbunden, über und über mit Zeichen bedeckt waren. Das weiße Material, so war den Bildsendungen für die Jungtiere zu entnehmen, nannte man Papier, die aus ihm hergestellten Blattbündel Bücher. Die Zeichen hießen Buchstaben und Zahlen.

Die Bücher, nicht selten auch einzelne Papiere, enthielten Bilder, mit deren Hilfe die Bedeutung der Buchstaben und Zahlzeichen bestimmt werden konnte. Damit war es schließlich möglich, die unbekannte Sprache von Grund auf zu verstehen und sich geschichtlichen Beschreibungen sowie naturwissenschaftlich-technischen, philosophischen und religiösen Abhandlungen zu widmen, von denen zum Glück ein beträchtlicher Teil die rätselhafte Katastrophe überstanden hatte. Es hing jetzt nur noch vom Interesse und Einsatz des einzelnen ab, wie weit er sich in die Lebens- und Denkweise der untergegangenen Rasse vertiefte.

Auch derjenige unter den Raumfahrern, der sich wenig damit beschäftigte, konnte erkennen, dass die ehemaligen Bewohner des Planeten sich selbst nicht als Tiere betrachteten, sondern als eine höher entwickelte Spezies, die allen anderen, die gleichzeitig mit ihnen dort lebten, überlegen sein sollte. Diese Spezies nannten sie "Menschen". Die meisten Besatzungsmitglieder schlossen sich diesem Sprachgebrauch an und nannten die Verstorbenen, nachdem sie das herausgefunden hatten, ebenfalls nicht mehr "Tiere". Manche allerdings nahmen daran Anstoß, dass die Menschen, von Ausnahmen abgesehen, sich nicht nur als die höchsten Wesen auf ihrem Planeten, sondern im ganzen Weltall ansahen, und spotteten darüber.

Sie, die Raumfahrer, hatten auf ihren Streifzügen sehr viel höher entwickelte Rassen und Kulturen kennengelernt, als sie hier vorfanden; außerdem besaßen sie auch einen gewissen eigenen Stolz.

Die Menschen hatten von Lebewesen außerhalb ihres Planeten, den sie "Erde" nannten, keine Ahnung. Diese spielten lediglich in phantasievollen Erzählungen und Romanen eine Rolle. Nur wenige waren davon überzeugt, dass es neben ihnen auch noch "Außerirdische" gab.

Die Menschen existierten in zwei Ausführungen, die sich geschlechtlich vermehrten, wenn sie das entsprechende Alter erreicht hatten: Männer und Frauen. Das war bereits, ohne dass man ihre Sprache verstand, deutlich an den aufgefundenen Bildaufzeichnungen zu erkennen. Ein nicht unerheblicher Teil davon beschäftigte sich mit diesem Unterschied und seinen Begleiterscheinungen. Die Sendungen, die offenbar stets für ein großes Publikum gedacht waren, reichten in der Art ihrer Darstellung von der zurückhaltendsten, alles nur andeutenden bis zur direktesten, anschaulichsten, die keine Einzelheit ausließ. Die fremden Besucher, die nur eingeschlechtlich waren, hatten für beides wenig Verständnis und langweilten sich häufig dabei.

Für die Menschen waren die zwei verschiedenen Geschlechter von großer Bedeutung. Alles, was damit zusammenhing, was auf die Begriffe und Gefühle von Liebe und Hass, von Anbetung und rücksichtsloser Inbesitznahme, von Treue und Eifersucht führte, um nur einiges zu nennen, bestimmte in hohem Maße über Jahrtausende ihr Denken und Handeln, ihre Traditionen, ihre Religion. Das anscheinend unerlaubte Verhalten eines Mannes und einer Frau (der beiden ersten, wie es hieß) führte in einem Teil des Planeten auf den wie immer zu verstehenden Begriff der Sünde; in anderen, ausgedehnten Gebieten hatte der Unterschied zwischen Mann und Frau starken Einfluss auf das gesamte tägliche Leben.

Um den Besitz von Frauen wurden blutige Kriege geführt. Frauen wurden von Männern unterdrückt, ausgebeutet und verachtet; selten war es umgekehrt.

Um einen Anreiz zu schaffen, hatte es die Natur bei den Menschen so eingerichtet, dass das Vorbereitungsritual für die Erzeugung von Nachkommen mit angenehmen Gefühlen und Reaktionen verbunden war. Vielen kam es nur darauf an. Den von der Natur angestrebten, eigentlichen Vorgang verstanden sie zu umgehen oder zu unterbrechen und wendeten ihre Kenntnisse sehr häufig an. Ganze Industriezweige und Berufsgruppen profitierten davon. Das Zurweltbringen des Nachwuchses bereitete den Frauen Schmerzen und bewirkte außer Freude auch Anstrengungen und Entbehrungen, die viele lieber vermeiden wollten.

So vernichteten sie selbst Jahr um Jahr millionenfach menschliches Leben, doch fanden dies nicht wenige moralisch einwandfrei und gerecht.

Insgesamt brachte die Existenz von Männern und Frauen eine Reihe schwieriger Probleme mit sich, die teilweise zu großen Leiden Anlass gaben, und die Menschen wurden oftmals nicht fertig damit.

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Kriege, so zeigten die Darstellungen in den Büchern, wurden nicht nur um Frauen geführt. Auch um besseres oder größeres Land ging es dabei, um Macht und Reichtum, um die Gewinnung rechtloser, billiger menschlicher Arbeitskräfte, die man Sklaven nannte, und die bei den Feldzügen wie Schätze und andere Güter erbeutet und weggeschleppt wurden.

Es gab Kriege um den "richtigen" Glauben; Verfolgungen aus religiösen Gründen hielten bis zu der rätselhaften Katastrophe an, der die Außerirdischen auf der Spur waren.

Kriege dienten der Ablenkung des eigenen Volkes von innenpolitischen Schwierigkeiten und der Befriedigung persönlicher Eitelkeit von Herrschern, die gelegentlich an der Schwelle des Wahnsinns standen oder sie bereits überschritten hatten. Kriege spielten bei Erbfolgestreitigkeiten eine Rolle. Der Krieg wurde abwechselnd verherrlicht und verdammt; er galt als der Vater aller Dinge und als Mutter allen Elends. Diese inkonsequente, widersprüchliche Beurteilung desselben Phänomens erschien den Außerirdischen typisch für den wankelmütigen Charakter der Menschen, den sie mehr und mehr zu erkennen glaubten.

Wenn kein strenges Regiment und keine Aussicht auf Beute die Bevölkerung eines Landes in den Krieg treiben konnte, musste anderes dafür herhalten. Entweder waren es die Götter, die angeblich den Krieg wünschten und die Waffen segneten und heiligten, oder es war die behauptete Überlegenheit und Höherwertigkeit des eigenen Stammes, des eigenen Volkes oder der eigenen Rasse gegenüber dem zum Feind erklärten Nachbarn. Oft genug ging es dabei um Rohstoffe, um den Zugang zum Meer, um Schiffahrtswege oder um Handelsinteressen, die anders nicht durchzusetzen waren. Immer wieder verdienten einzelne große Summen am Krieg, gleichgültig, wer ihn gewann. Manchmal lieferten sie beiden kriegführenden Parteien die Waffen und Hilfsmittel; das war dann für sie am einträglichsten.

Unter den Menschen gab es nicht nur Feige, die alles mit sich machen ließen, und Gleichgültige, die sich um nichts kümmerten, sondern auch solche, die aufpassten, die nachdachten, die deutlich ihre Meinung zum Ausdruck brachten und dafür notfalls Verfolgung, wenn nicht gar den Tod in Kauf nahmen. Diese Nachdenklichen, Mutigen, Entschlossenen, der Wahrheit und Gerechtigkeit Verpflichteten sperrte man, wenn sie es für die jeweiligen Machthaber zu weit trieben, ins Gefängnis oder in Straflager, wo sie oft genug durch Misshandlungen oder Entbehrungen elend umkamen. Ihr Verhalten wurde von manchen als Dummheit angesehen, von anderen dagegen als Ausdruck unbeugsamen Freiheitswillens bewundert.

Staatsgefüge, in denen die Freiheit unterdrückt wird, nannte man, je nach geschichtlicher Epoche, Tyrannei oder Diktatur; gemeint war aber immer dasselbe. Wenn eine Diktatur beseitigt wurde - meist blutig, in Form einer Revolution, selten durch friedlichen Umsturz, bei dem die Diktatoren und ihre Helfer am Leben gelassen wurden - , war das im allgemeinen, außer bei den früheren Machthabern, ein Grund zu großer Freude. Was aber passierte häufig danach? Entweder etablierte sich allzu schnell, und zwar scheinbar von selbst, eine neue Diktatur, wenn auch unter einem anderen Namen, oder das gesamte gesellschaftliche Leben artete in Anarchie und allgemeines Durcheinander aus. Banden bildeten sich und stürzten die Bevölkerung in noch größere Armut und Abhängigkeit als vorher. So wünschten sich manchmal die ursprünglich Unterdrückten die alte Diktatur wieder zurück und bereiteten ihr erneut den Weg.

Das Verhältnis der Menschen zur Freiheit war zwiespältig: ihre Geschichte, so fanden es die Außerirdischen in den Büchern beschrieben, war voll von heldenmütigen Kämpfen für die Freiheit; ebenso oft aber wollten die frei Gewordenen dann doch wieder einen "starken Mann", dem sie die Macht übertragen und blind gehorchen konnten.

Freiheit, das spürten wohl viele, bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen, und diese ist meist schwer zu tragen. Deshalb vertraute man sich lieber jemandem an, der scheinbar alles besser verstand und konnte als man selbst. Es fand, über längere Zeit betrachtet, ein ständiger Wechsel zwischen der Herrschaft eines Einzelnen (oder einer kleinen Gruppe) und der sogenannten "Volksherrschaft" statt, die in großen Teilen des Planeten ebenfalls nicht richtig funktionierte.

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Wie aber war es nun zu den Zerstörungen gekommen, denen die fremden Besucher überall begegneten?

Diese neigten zu der Annahme, dass die Ursache dafür nicht kosmischer Natur war - etwa der Einschlag eines Asteroiden -, sondern von den Menschen selber stammte. Hierauf deutete die schon gleich zu Anfang beobachtete Radioaktivität hin, die nicht durch den Aufprall eines Himmelskörpers entstanden sein konnte.

Die Gründe im einzelnen - technisches Versagen oder Absicht - waren nicht leicht auszumachen. Die übrig gebliebenen Bildaufzeichnungen lieferten nur vage Hinweise, und Bücher zu dem Thema gab es nicht; die Katastrophe musste sehr schnell und überraschend eingetreten sein.

Nach dem, was die Fremden rekonstruieren konnten, gab es kurz vor dem Ende der Menschheit im wesentlichen zwei Gruppen von Völkern. Die einen besaßen alles: Nahrung im Überfluss, Kleidung, Wohnung, dazu zahlreiche Möglichkeiten der Unterhaltung und Zerstreuung. Sie mussten im Vergleich zu ihren Vorfahren, die die Grundlagen dafür geschaffen hatten, verhältnismäßig wenig arbeiten und hatten viel freie Zeit. Die anderen Völker dagegen lebten in Armut und hatten oft kaum das Nötigste. Sie mussten Hunger und Durst erleiden, und nicht wenige Menschen starben daran.

Die Bewohner der reichen Länder wussten häufig mit dem, was sie hatten, nichts Rechtes anzufangen, langweilten sich und verfielen zum Teil auf unwürdige, schädliche Lebensgewohnheiten. Verbreitet war zum Beispiel die freiwillige Einnahme von Giftstoffen, die Körper und Geist ruinierten. Gleichgeschlechtliche ahmten Teile der Fortpflanzungsprozedur nach und priesen ihr unnatürliches Verhalten selbstbewusst als etwas ganz Normales, ja Erstrebenswertes. Die von den fremden Besuchern aufgefundenen Sendungen wurden von Mord und anderen Verbrechen beherrscht; sie dienten den Menschen in den reichen Ländern zu willkommener Entspannung. Bildende Kunst, Theater, Literatur und Musik befanden sich dort im Vergleich zu früheren Zeiten, in denen sie blühten, auf einem bemerkenswert niedrigem Niveau. Die Themen und Techniken waren oft primitiv und roh; vieles kam nicht nur den Außerirdischen absurd und unverständlich vor.

Wegen ihrer Lebensweise verachteten die armen Länder die reichen. Gleichzeitig beneideten sie sie aber auch um ihren Wohlstand. Die armen Länder machten, bis auf wenige Ausnahmen, nur geringe Anstrengungen, den Lebensstandard der reichen zu erlangen. Sie stützten sich auf tausendjährige religiöse Traditionen, die in vielem für das moderne Leben ungeeignet waren, und vertrauten im übrigen auf ihre große Menschenzahl und Vermehrungsrate, durch die ihnen eines Tages die Herrschaft über die ganze Erde fast von selbst zufallen würde. Um dieses Ziel schneller zu erreichen, riefen einige ihrer Führer offen zum Krieg gegen die als ungläubig bezeichneten anderen Völker auf. Hass und Fanatismus in ihren Reihen nahmen zu.

Eine weitere, nicht religiös motivierte Ideologie, die über drei Generationen praktisch an Menschen ausprobiert wurde und in dieser vergleichsweise kurzen Zeit Millionen von ihnen das Leben kostete, ging noch vor der geheimnisvollen Katastrophe an ihrer eigenen Unlogik und mangelnden Effizienz zugrunde. Die mit ihr verbundene Diktatur hatte ein Sechstel der nicht vom Wasser bedeckten Oberfläche des Planeten beherrscht.

Das Riesenreich zerfiel nach seinem Ende in kleinere Diktaturen. Am Rande brachen alte, zum Teil künstlich geschaffene Nationalitätenkonflikte auf, bei denen Hunderttausende ermordet wurden; hierbei sahen die übrigen, nicht diktatorisch regierten Länder weitgehend tatenlos zu. Ein besonderes, biologisches Mittel in diesem mit großer Grausamkeit geführten Bürgerkrieg war die gewaltsam erzwungene geschlechtliche Vereinigung der Frauen der Verlierer- mit den Männern der Siegerpartei. Damit sollte die künftige völkische Zusammensetzung der Region in derem Sinne günstig beeinflusst werden.

Mit einer anderen biologischen Waffe, nämlich der massenhaften Verbreitung tödlicher Krankheitskeime, bedrohte die Erde ein politischer Wirrkopf mehr aus dem Zentrum des untergegangenen Imperiums. Er fand beträchtlichen Zulauf, doch kam es nicht zur Ausführung seiner Pläne. Die Gefahr lag zum Schluss woanders.

Die Militärtechniker der am höchsten entwickelten Länder der Erde hatten im Laufe der Zeit immer gefährlichere Vernichtungsmittel auf atomarer Basis entwickelt, die schließlich alles Leben auf dem Planeten auslöschen konnten. Vorbei war es mit der begrenzten Reichweite früherer Kriege, so entsetzlich diese waren. Der größenwahnsinnige Diktator eines kleineren Landes beschaffte sich eine solche, global wirkende Waffe, ohne dass er vom Ausland ernsthaft daran gehindert wurde, und zündete sie. Ob er ihre Wirkung unterschätzt hatte oder in seiner Verrücktheit selber mit draufgehen wollte, konnte nicht mehr geklärt werden. Auf jeden Fall jagte eine über tausend Grad heiße Druckwelle um die ganze Erde, begleitet von einem starken radioaktiven Ausfall. Alles, was lebte, war im Nu tot oder starb, wenn es nicht direkt von ihr getroffen worden war, qualvoll kurze Zeit später.

Städte, Verkehrswege, Industrieanlagen, Staudämme wurden mit zerstört. Die Polkappen schmolzen ab und überschwemmten weite Gebiete; kleinere Meere verdampften. Es war ein Wunder, dass die wenigen Pflanzen, die die Außerirdischen noch vorfanden, den atomaren Feuersturm überlebt hatten und weiterwuchsen. Sie waren das einzige, was übrig blieb.

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Das Ergebnis der Katastrophe betrachteten die Raumfahrer ohne große innere Bewegung und mehr mit einem kühlen, wissenschaftlichen Interesse. So verhielten sich auch die Menschen, wenn sie mit scheinbar unter ihnen stehenden Tieren oder anderen Organismen experimentierten und diese dabei gezielt oder leichtfertig quälten, beschädigten und töteten.

Die Außerirdischen, für die die aufgefundenen Spuren kaum mehr als neue, etwas ungewöhnliche Studienobjekte waren, dachten und handelten weniger gefühlsmäßig als die Menschen. Nicht, dass sie überhaupt keine Emotionen kannten: Freude und Hoffnung, Ärger, Trauer und Verzweiflung verspürten sie durchaus. Sie hatten aber auch erkannt, wie schädlich zum Beispiel der Neid ist, und mieden ihn, als Folge langandauernder Erziehung, fast schon instinktiv. Stolz auf materiellen Besitz und erreichte Machtpositionen galt bei ihnen als unmoralisch; Habgier wirkte lächerlich und führte in die Isolation.

Auf ihrem Heimatplaneten lebten die Fremden in vielem ganz anders, als es sich in den Aufzeichnungen der zerstörten Erde widerspiegelte. Nach ausgedehnten, mit großer Intensität durchgeführten Versuchen war es ihnen gelungen, anstelle der von manchen Menschen als gefährlich angesehenen Kernspaltung die ungefährliche Kernverschmelzung nutzbar zu machen; so hatten sie Energie in jeder gewünschten Menge. Anstatt, wie bis zum Schluss auf der Erde üblich, mineralische Feststoffe, Öle und Gase zu verbrennen und dadurch die Umwelt zu belasten, stellten sie daraus einen großen Teil ihrer hochwertigen Nahrungs- und Genussmittel her. Tiere aßen die Außerirdischen nicht, nur einige ausgewählte Pflanzen.

Es herrschte bei ihnen keine Armut, so dass niemand hungerte, aber auch kein übertriebener Luxus, den sie verabscheuten. Die Außerirdischen waren klug genug, die Arbeit nicht völlig abzuschaffen; immer noch gab es bei ihnen genügend Tätigkeiten in der Güterproduktion, der Verwaltung, dem Erziehungs-, Bildungs- und Gesundheitswesen, die sie nicht Maschinen überließen. Jeder, der vom Alter her und gesundheitlich dazu in der Lage war, arbeitete freiwillig und ohne Murren ein Drittel des Tages und der durchschnittlich erwarteten Lebenszeit. Die Entlohnung wurde in gegenseitigem Einvernehmen geregelt; es gab keine Arbeitskämpfe und sozialen Konflikte. Und es gab keine Verbrechen, weder von privater Seite, noch von Regierungen begangen oder begünstigt. Polizei, Strafen, Gefängnisse waren überflüssig. Auch Kriege, die früher den Planeten der fremden Besucher heimgesucht hatten, wiederholten sich nicht. So konnte auf Armeen ebenfalls verzichtet werden. Politiker, die von einer an öffentlichen Dingen interessierten Minderheit in regelmäßigen Abständen frei gewählt wurden, waren geachtet. Sie versahen ihr Amt sachgerecht und boten selten Anlass zur Klage.

Die allgemeine Harmonie und Zufriedenheit auf dem fremden Planeten, das Fehlen größerer Unterschiede und Gegensätze führten nicht zu Antriebsschwäche, Trägheit und Stagnation. Seine Bewohner waren vielmehr auf Grund ihrer Veranlagung körperlich und geistig äußerst agil und produktiv. Sport aller Arten stand in hohem Ansehen, ohne indessen Pflichtfach in den Schulen zu sein. Fast alle hatten darüber hinaus mindestens ein weiteres Hobby auf dem Gebiet der Literatur, der bildenden Kunst, des Theaters oder Musik. Minderwertige, seichte oder aufreizende Unterhaltung sowie musikalische Dauerberieselung wie auf der Erde hätten keinen Zuspruch gefunden.

Kunst war bei den Fremden nicht das Ergebnis zügelloser spontaner Einfälle, sondern beruhte auf bestimmten Idealen, setzte Übung und inneres Reifen voraus. Sie sollte weder provozieren noch schockieren. Neues um jeden Preis zu schaffen und damit Aufsehen zu erregen, war kein Ziel. Kunst galt nicht als Ware, und auf den Gedanken, Kunstwerke als Kapitalanlage zu missbrauchen, wäre niemand gekommen. Alle Künstler des Planeten waren Amateure; staatliche Förderung fehlte aus Prinzip.

Viele Bewohner befassten sich auch mit wissenschaftlichen Problemen, waren ausgezeichnete Mathematiker, Historiker oder Völkerkundler. Nahezu unerschöpfliche Anregungen erhielten sie aus der Raumfahrt, die schon seit langer Zeit betrieben wurde und zu ständigen Kontakten mit anderen Kulturen und Zivilisationen führte.

Gegenüber den Menschen empfanden die Außerirdischen wenig Mitleid. Sie glaubten, dass diese an ihrer eigenen geistig-moralischen Schwäche und Unvollkommenheit zugrunde gegangen waren. Nach den erhalten gebliebenen Aufzeichnungen zu urteilen, musste es früher oder später so kommen.

Die Besucher aus dem All hielten trotz zahlreicher bemerkenswerter Ausnahmen die Menschen insgesamt für ungebildet, ja unwissend, und dumm. Dabei stützten sie sich darauf, dass ein großer Teil derselben zu jener Zeit weder lesen noch schreiben konnte und dass diejenigen, die es gelernt hatten, zu wenig oder falsch davon Gebrauch machten. Die Dummheit, die die fremden Wesen den früheren Erdbewohnern zuschrieben, bezogen sie auf ihr eigenes, höheres Intelligenzniveau. Ihnen war es, anders als den Menschen, gegeben, den Dingen stärker auf den Grund zu gehen, auch wenn diese, wie etwa bei den Fragen des Zusammenlebens, sehr kompliziert waren. Sie konnten Ursachen und mögliche Wirkungen besser erkennen und waren in der Lage, daraus die jeweils günstigsten Maßnahmen abzuleiten und durchzuführen. Sie dachten räumlich und zeitlich weiter als die Menschen mit ihren schlechten Gewohnheiten und ihrem engeren Horizont.

Überdies hielten die Fremden, wiederum von Ausnahmen abgesehen, die Menschen für rücksichtslos und grausam, innerlich stets zum Töten bereit, zum Mord an ihresgleichen und anderen Lebewesen. Sie stellten fest, dass die Respektierung des Nächsten wie des Fernsten als Erziehungsziel erst in den Anfängen war und nur selten von klein auf intensiv geübt wurde. Die meisten Menschen, so schien es, hatten hauptsächlich ihren eigenen Vorteil im Auge, und nicht wenige wendeten Gewalt an, um ihn durchzusetzen. Die Kunst des Kompromisses beherrschten sie nur ungenügend; sehr oft orientierten sie ihr Denken, Fühlen und Handeln an dem Motto: Alles oder Nichts. Sie relativierten zu wenig, waren zu starr.

Viele Gelehrte unter den Menschen sahen ihre Spezies nicht als eine eigene, besondere Schöpfung an. Sie glaubten an tierische Vorfahren ähnlichen Aussehens. Wenn das stimmte, machte sich diese Vergangenheit immer noch bemerkbar. Die Zeit, sich von ihr zu lösen, war offenbar zu kurz gewesen. Der Untergang kam schneller. Um ihn zu vermeiden, hätte es noch vieler Generationen und großer Anstrengungen zum Wandel bedurft.

Das jedenfalls dachten die Außerirdischen angesichts der gefundenen Reste auf der Erde, die sie nun, nachdem sie alles für sie Interessante erforscht hatten, mit ihrem Raumschiff wieder verließen.

Hinweis: Die vorstehende Erzählung unterliegt dem Copyright. Ohne meine ausdrückliche Genehmigung darf sie weder als Ganzes noch in Teilen an anderer Stelle publiziert werden. Inhaltliche Veränderungen sind nicht gestattet. H.-J. Caspar

Anmerkung: Zu ihr gibt es im Internet eine hübsche Gegenutopie.

Hier noch ein zeitkritischer Kurztext , wieder von mir, mit ein paar Wiederholungen aus dem Obigen und ein wenig Gelegenheit zum Knobeln.

Neu (2010): "Außerirdische - wo seid ihr?" (Artikel in "Bild der Wissenschaft online")

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