Glücklich sein über den Glauben

Auf dieser Seite werden zunächst ausführlicher, als schon an anderer Stelle geschehen, Parallelen zwischen Naturwissenschaft und Religion aufgezeigt. Dann folgt eine nicht sehr lange Begründung der Überschrift.

Ich beginne mit etwas ganz Allgemeinem.

Wir können, falls unsere Sinne und Bewegungsmöglichkeiten nicht eingeschränkt sind, Gegenstände um uns her sehen, betasten, riechen. Wir können Töne und Stimmen vernehmen und selber erzeugen. Wir können sprechen, Gesprochenes hören und verstehen, können es uns merken, darüber nachdenken und darauf antworten. So erfassen wir die "Welt", jedenfalls einen kleinen Teil davon.

Denn nicht alles ist uns auf diese Weise zugänglich und erreichbar. Manches ist zu groß oder zu weit weg – oder zu klein. Einiges ist unsichtbar wie die Luft; dennoch spüren wir sie. Anderes ist zu schnell, oder es ist so langsam, daß wir keine Veränderung feststellen können, obwohl sie in Wirklichkeit stattfindet.

Wollen wir etwas, von dem wir eine nur schwache, flüchtige oder gar keine sinnliche Wahrnehmung haben, genauer erforschen und uns mit anderen darüber unterhalten, verwenden wir sprachlich-gedankliche Bilder, die bekannten, greifbaren Gegenständen aus unserer normalen Umwelt entlehnt sind.

In den Naturwissenschaften zum Beispiel redet man von Teilchen, Wellen und Wirbeln, von winzigen schwingungsfähigen Gebilden ("strings"), ähnlich den Saiten eines Musikinstruments, von Feldern, Quellen, Flüssen und manchem mehr. Fast modern klingt eine schöne Beschreibung des Schalls durch den antiken römischen Schriftsteller Vitruv (1. Jh. v. Chr.) in seinem Werk, „De architectura“, Lib. V, Cap. III, 6.:

„Die Stimme aber ist ein fließender Hauch und infolge der Luftbewegung durch das Gehör vernehmlich; sie bewegt sich in unendlichen kreisförmigen Rundungen fort, wie in einem stehenden Wasser, wenn man einen Stein hineinwirft, unzählige Wellenkreise entstehen, welche wachsend sich soweit als möglich vom Mittelpunkt ausbreiten, wenn nicht die beengte Stelle sie unterbricht, oder irgendeine Störung, welche nicht gestattet, daß jene kreislinienförmigen Wellen bis ans Ende gelangen; denn so bringen die ersten Wellenkreise, wenn sie durch Störungen unterbrochen werden, zurückwogend die Kreislinien der nachfolgenden in Unordnung. Nach demselben Gesetz bringt auch die Stimme solche Kreisbewegungen hervor, aber im Wasser bewegen sich die Kreise auf der Fläche bleibend nur in der Breite fort; die Stimme aber schreitet einerseits in der Breite vor und steigt andererseits stufenweise in die Höhe empor.“,

zitiert von Ernst Mach (1833 bis1916, österreichischer Philosoph und Physiker) in "Die Mechanik in ihrer Entwicklung"
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Bei alledem abstrahieren und idealisieren wir, d. h., wir sehen von Zufälligkeiten, Störungen des Gesamteindrucks und kleinen Unregelmäßigkeiten ab. Und wir verallgemeinern. So erscheint die Erde um uns herum, wenn wir im Flachland und nicht in den Bergen leben, als weite ebene Fläche, und es ist kein Wunder, daß man sie im ganzen jahrtausendelang für eine Scheibe hielt. Es kostete die meisten, als herauskam, daß sie Kugelform hat, große Überwindung und Mühe, sich das vorzustellen. (So war es vielen ein Rätsel, daß Menschen auf der Südhalbkugel, die, von uns aus gesehen, mit den Füßen nach oben gehen - man nannte sie deshalb Antipoden, d. h. Gegenfüßler -, nicht "herunterfallen". Siehe hierzu z. B. Leonhard Euler in einem seiner "Briefe an eine deutsche Prinzessin".)

Wir schauen in die Vergangenheit – dazu dient uns die Geschichte, die mit den Methoden der Historiker, aber auch der Naturwissenschaftler erforscht wird – , und manche machen sich Gedanken über die Zukunft, sogar über Entwicklungen und Geschehnisse, die erst in Millionen und Milliarden Jahren eintreten könnten.

Wir begegnen dem Tod, aber nur ungern, denn obwohl wir wissen, daß wir alle einmal sterben müssen, wollen die meisten von uns es nicht sobald, und er, der Tod, gibt uns neue Fragen, oft auch Sorgen auf.

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Bei vielem sind wir uns nicht sicher. Wir hoffen, daß es so sei, wie wir es uns vorstellen und wie es uns von anderen gesagt oder in den Büchern beschrieben wird. Wenn diese Hoffnung sehr stark und fast zur Gewißheit wird, spricht man auch vom Glauben.

Dieser herrscht nun keineswegs nur auf religiösem Gebiet. Auch die Wissenschaften (abgesehen von der Theologie, bei der das selbstverständlich ist) enthalten vielfach Glaubenselemente, obwohl die an ihnen Beteiligten und dort Tätigen dies oftmals nicht wahrhaben möchten und es zum Teil vehement bestreiten.

Daß auf wissenschaftlichem Gebiet keine absolute Sicherheit zu gewinnen ist, liegt zum einen an der Unvollkommenheit unserer Wahrnehmungsmöglichkeiten: selbst wenn wir als verlängerte oder verfeinerte "Sinnesorgane" ausgeklügelte Meßinstrumente und -verfahren zu Hilfe nehmen, können wir nicht alles so erkennen, wie wir es gerne möchten. Manches bleibt unscharf, unbestimmt, weil die erreichbare Genauigkeit zu gering ist. Eine weitere Begrenzung entsteht durch unsere nur wenige Jahrzehnte betragende Lebensdauer, wo es in Wirklichkeit vielleicht um Jahrhunderte, Jahrtausende und oftmals um noch viel größere Zeiträume geht.

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Zu den stärksten Hemmnissen bei der wissenschaftlichen Durchdringung unserer nahen und fernen Umwelt, der Vergangenheit und Zukunft gehört vor allem aber folgendes: Wir benötigen, um uns über unsere Beobachtungen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse verständigen zu können, nicht nur die oben genannten, auf konkrete Gegenstände zurückgehenden Begriffe, sondern auch eine Reihe abstrakter Sprechweisen und Gedankenbilder, die sich – was oft übersehen wird – nicht einwandfrei definieren lassen.

So gibt es seit dem Altertum, trotz angestrengter Bemühungen der besten Köpfe, keine allgemein anerkannte Erklärung, was Zeit ist. Gewiß, ein paar halbwegs brauchbare Formulierungen und Vergleiche existieren schon – so "fließt" oder verfließt die Zeit, sagen manche; oder es heißt, daß "Zeit" dasjenige sei, was die Uhren anzeigen; es gibt die subjektive Zeit, die einem, je nach den Umständen lang oder kurz vorkommen kann – ; doch reicht all' das für eine gründliche, tiefgreifende, naturwissenschaftliche oder ins Philosophische gehende Betätigung nicht aus.

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Ein ähnliches Schicksal erleidet eine andere physikalische Grundgröße, die Masse. Mit ihr kennzeichnet man die Eigenschaft von Körpern, schwer und träge zu sein, wobei letzteres den Widerstand gegen Bewegungsänderungen bedeutet. In der klassischen Physik gibt es keine eigentliche Definition der Masse. (Definiert wird nur ihre Maßeinheit.) Unter den moderneren Theorien befaßt sich die Spezielle Relativitätstheorie nicht mit der Schwerkraft und enthält deshalb keine Definition der schweren Masse, während in der Allgemeinen Einsteinschen Theorie mehrere Massedefinitionen möglich sind. Dabei wird eine Krümmung des Vakuums in Betracht gezogen, vgl. hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Masse_(Physik)

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Zu dieser Seltsamkeit, die nicht die einzige ist, treten, vor allem bei Spekulationen über die Vergangenheit und Zukunft des Weltalls, weitere, zwar naheliegende, aber willkürliche Annahmen hinzu. Zwei davon lauten:

Überall im gesamten Universum gelten die gleichen physikalischen Gesetze, wie wir sie hier bei uns auf der Erde beobachten und mathematisch formulieren.
Bestimmte grundlegende, "universell" genannte physikalische Konstanten hatten zu allen Zeiten denselben Wert, den sie heute haben.

Aus ihnen (und gewissen astronomischen Beobachtungen) folgerte man etwas, woran viele Physiker glauben: Vor rund 15 Milliarden Jahren sei das gesamte Weltall mit einem Schlag aus einem nahezu punktförmigen Etwas entstanden, das, vielleicht auch ein wenig scherzhaft, "kosmisches Ei" genannt wird. Das plötzliche, explosionsartige angebliche Geschehen ist unter dem Namen "Urknall" auch vielen Laien bekannt.

Fragen wie, warum es plötzlich "knallte" und was davor war, werden, je nach Temperament und Geduld der Antwortenden, als unwissenschaftlich, unzulässig oder sinnlos abgetan. Manche sagen auch, ein "Davor" habe es nicht gegeben; vielmehr sei die Zeit (von der wir immer noch nicht wissen, was sie eigentlich ist, siehe oben) beim "Urknall" gleich mit entstanden, ebenso der Raum.

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Dieses Vorgehen wird "rationalistisch" genannt; die daran Beteiligten bezeichnen ihre Wissenschaft oftmals selber so. Auf deutsch bedeutet das Wort – berechtigt oder nicht – soviel wie "vernünftig" oder "vernunftorientiert".

Ihm gegenüber steht das, was man als "spiritualistisch" bezeichnen kann. Darin steckt das lateinische Wort "spiritus", das sich mit "Hauch", "Atem" oder "Geist" wiedergeben läßt. Gemeint ist der Geist Gottes oder der Heilige Geist, in der lateinischen Kirchensprache als "Spiritus Sanctus" bekannt. Die Spiritualisten benutzen natürlich auch ihre Vernunft, doch erkennen und respektieren sie deren Grenzen stärker, als dies die Rationalisten tun.

Spiritualisten denken und empfinden religiös. Sie halten Wunder für möglich, wissen, daß es Geheimnisvolles gibt, das dem Menschen nicht zugänglich ist, glauben neben der sichtbaren an eine unsichtbare Welt.

Rationalisten sind häufig Atheisten, d. h., sie bestreiten, daß Gott existiert. Zu den Spiritualisten gehören außer Angehörigen fremder Religionen, von denen ich zu wenig weiß, wir Christen. Wir glauben an die Wiederauferstehung der Toten und ein Weiterleben nach dem Tode bei Gott. Und wir glauben daran, daß Jesus Christus, nachdem er unschuldig furchtbar gefoltert und schließlich am Kreuz ermordet wurde, durch seine Auferstehung und Himmelfahrt uns dabei vorangegangen ist.

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Für beide Richtungen gibt es im Internet Seiten, und so las ich auf einer von Atheisten stammenden etwa folgendes: Die Bibel enthält zahlreiche falsche Prophetien und widerspricht sich an vielen Stellen selbst. Man tue also gut daran, wenn man sie, falls überhaupt vorhanden, wegwerfe und sich von ihr "befreie".

Selber bin ich anderer Ansicht. Die Bibel handelt von Gott. Die Abkehr von Ihm macht uns nicht freier. Mehrere Staaten mit insgesamt hunderten von Millionen Menschen (untertrieben gesagt), sind atheistisch, verlangen gewaltsam von ihren Untertanen, daß sie nicht an Gott glauben und unterdrücken die Meinungs- und Gewissensfreiheit auf das schlimmste.

Außerdem empfinde ich es als ganz natürlich, wenn die Bibel Unstimmigkeiten, Irrtümer und Übertreibungen enthält, dazu zeitgebundene Ansichten und Forderungen, die wir heutzutage nicht mehr vertreten und einhalten. Sie ist ein Jahrtausende altes Buch, und manches in ihr beruht, bevor es aufgeschrieben und zusammengetragen wurde, auf mündlichen Erzählungen von teilweise märchenhaftem Charakter. Auch ist es nicht verwunderlich, daß in ihr Spuren anderer, benachbarter Religionen und Riten zu finden sind. Dies alles entwertet aber nicht, was an in ihr neu ist und anderen Glaubensrichtungen fehlt.

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Wenn ich der oben erwähnten Atheisten-Empfehlung folgte und mich von der Bibel, dem christlichen Glauben abwendete: was würde ich dadurch verlieren?

Ich verlöre nicht nur an innerer Gelassenheit und dadurch bedingter Freiheit; auch bestimmte Hoffnungen würden dabei verschwinden, die der Atheist nicht hat und nicht haben kann.

Verlieren würde ich den Kontakt zu zahlreichen Bibelstellen, die es wert sind, immer wieder gelesen zu werden. Zwei davon zum Selber-Nachschlagen seien hier genannt: 1. Korinther 13, Vers 4 bis 8 (über die Eigenschaften der Liebe) und Galater 5, Vers 22-23 (über die Eigenschaften des Heiligen Geistes).

Fehlen würden mir die sonntäglichen Predigten in den Gottesdiensten, die Möglichkeit des Gebets und die Gemeinschaft mit anderen Christen, unter denen mir in mehreren Jahren weder Streit noch Neid noch Überheblichkeit begegneten, ganz anders als zum Beispiel im Berufsleben oder in einem beliebigen Verein.

Ich müßte befürchten, daß mit dem Tod alles aus ist. Das Leben würde vielleicht zum Streß, zu allgemeiner Hetze werden, um noch möglichst viel von ihm zu haben und zu genießen. Als Christ erscheint mir dies völlig bedeutungslos.

Glauben zu können, ist etwas Besonderes, ist ein Geschenk. Dafür bin ich dankbar. Ich bin glücklich, gläubig zu sein. Herabsetzende Worte und Beschimpfungen, die gelegentlich von Atheisten kommen, prallen von mir ab. Ich lächle darüber und wünsche den Betreffenden, daß sie eines Tages ähnlich denken und empfinden wie ich.

(Nicht lächeln kann ich, wenn jemand die Sünden, Fehlhaltungen, ja Verbrechen der Kirche aufzählt, wenn von Zwangstaufen, von den Kreuzzügen, den Ketzer- und Hexenverbrennungen oder von bösartigen Äußerungen mancher "Kirchenväter" und "Heiliger" über das Wesen der Frau die Rede ist. Das höre ich mir dann bedrückt und traurig an; es läßt sich leider nicht bestreiten. Manches wird immer wieder erwähnt. Bei allem handelt es sich um grobe Abweichungen von der Lehre Jesu Christi, und man kann sie dieser nicht anlasten. Sie wurde falsch verstanden und ausgelegt, zu eigensüchtigen Zwecken mißbraucht, diente zeitlich und regional verschieden als Ausbeutungs- und Unterdrückungsinstrument. Diejenigen, die darauf vorwurfsvoll zu sprechen kommen und dabei nicht in Betracht ziehen, was Gutes von Jesu Worten und Taten ausging und wirksam wurde, sehen das Ganze sehr einseitig. Sie tun dies oftmals zur Rechtfertigung ihres eigenen Unglaubens und um andere vom Glauben abzubringen, haben aber damit bei mir keinen Erfolg.)

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