Über den "Urknall"

Unter denjenigen theoretischen Physikern, die sich mit der Entstehung, dem gegenwärtigen Zustand und der Zukunft unseres Universums beschäftigen, gibt es viele, die an den sogenannten "Urknall" glauben. Dieser Begriff, ursprünglich ironisch gebraucht,1) ist eine bequeme, symbolische Sprachfigur dafür, daß das gesamte Weltall vor ca. 13,7 Milliarden Jahren aus einer nahezu punktförmigen Ansammlung von Energie oder Materie explosionsartig entstanden sein soll. Wirklich geknallt hat es dabei nicht, denn ein Knall ist, wie es die Farben sind, ein sinnliches Erlebnis; Menschen und Tiere, die ihn hätten wahrnehmen können, existierten damals noch nicht. Es ist auch nicht sicher, daß die besagte Explosion tatsächlich stattgefunden hat und daß es davor jenes hocherhitzte Energie- oder Materieklümpchen, das man gelegentlich auch "kosmisches Ei"2) nannte, überhaupt gab. Zwar stützt sich der Glaube an den "Urknall" auf bestimmte, unbestreitbare physikalische Experimente (hauptsächlich die Rotverschiebung von Sternenlicht gegenüber Licht derselben Art im irdischen Labor), aber deren Deutung und Verwertung enthalten zusätzliche Annahmen, die von der Willkür der beteiligten Forscher abhängen und von ihren Zielvorstellungen bestimmt werden.

Was sie erforschen, ist Vergangenes. Ob es sich so verhielt, wie man denkt und behauptet; ob es nur in Nuancen oder völlig anders ablief, läßt sich prinzipiell nicht beweisen. Dies gilt ganz allgemein, nicht nur beim "Urknall", sondern auch bei der Beurteilung angeblich historischer Fakten. Stets ist Vorsicht geboten, wenn von etwas die Rede ist, das früher war oder gewesen sein soll, und je weiter es zurück liegt, umso ungewisser werden die Feststellungen, die sich dazu treffen lassen. Dies wird im Internet anhand eines konkreten Beispiels hier ausführlich begründet – von einem Professor für Raumfahrttechnik.

Die Annahmen, die beim "Urknall" gemacht werden (wobei ich diesen Ausdruck, weil er mir zweifelhaft erscheint, weiter in Anführungsstriche setze), nennt man Hypothesen. Näheres dazu hier.

Papst Benedikt XVI schreibt in der Einleitung seines im April 2007 erschienenen Buches "Jesus von Nazareth" auf S. 16:

"Es ist als Grenze allen Bemühens um das Erkennen von Vergangenheit festzuhalten, daß dabei der Raum der Hypothese nicht überschritten werden kann, weil wir nun einmal die Vergangenheit nicht in die Gegenwart hereinholen können ..."

Hier kehrt Gedanke wieder, daß es nicht möglich ist, sich erfolgreich mit länger Zurückliegendem zu befassen, ohne dabei zusätzliche Annahmen zu machen. (In der historischen Forschung bestehen diese unter anderem darin, daß verwendete Dokumente, Berichte und andere Quellen weder gefälscht noch mehr oder weniger frei erfunden sind, wofür niemals eine vollständige Garantie besteht.)

In der Physik, beim "Urknall", kommt noch folgendes hinzu:

Man soll möglichst nicht fragen, was vor ihm war, und warum es plötzlich "knallte". Derartiges wird oftmals als "unwissenschaftlich" oder "unzulässig" zurückgewiesen. Die Zeit (und mit ihr zusammen der Raum) seien erst entstanden, als das kosmische Ei explodierte. Die physikalischen Gesetze würden, so wird weiter gesagt, erst ab dann gelten und anwendbar sein; ein Davor habe es nicht gegeben. Während bei der ersten Art zu reagieren eine Art Denkverbot ausgesprochen wird, wie es vor Jahrhunderten bei manchen Problemen für die Kirche typisch war, wird bei der zweiten eine der in der Physik bestehenden Grenzen sichtbar.

Soweit die nüchterne, wissenschaftliche Betrachtungsweise. Sie enthält Unbefriedigendes und Unbegreifliches, und wer sich ihrer bedient, muß sehen, wie er innerlich damit fertig wird. Bevorzugt wird sie, wie es scheint, hauptsächlich von Atheisten.

Für gläubige Menschen hingegen gibt es die Schöpfungsgeschichte der Bibel. Vielleicht nicht ganz unbeeindruckt davon, daß nach der "Urknall"-Hypothese Raum und Zeit zugleich entstanden sein sollen, sonst aber ohne weiteren Rückgriff auf die Physik, beschrieb Stefan Andres in seinem Buch "Die Biblische Geschichte" die Entstehung der Welt so:

"Im Anfang war nichts da als Gott allein. Nichts war da: nicht die Lichter am Himmel, nicht das Wasser und nicht das Feste, nicht einmal der leere Raum war da und nicht die Zeit. Aber Gott war da und in Gott das Bild der Welt, die er erschaffen wollte. Und als Gott sprach: »Jetzt!«, da war die Zeit da, und als er sprach: »Hier und dort und droben und drunten«, da war der Raum da."

Das gefällt mir weit besser als die trockene Physiker-Version. Wundersam bleibt es allemal, und Unbegreifliches enthält es wie diese; doch klingt es viel schöner und nahezu poetisch. Dabei ist zu fragen: haben nicht auch sie, die Poesie und die Schönheit, ihren Platz im menschlichen Leben, ebenso wie der auf Erkenntnis gerichtete Forscherdrang?

(Wissenschaftlich "angehaucht" und ein wenig ironisch äußere ich mich über den angeblichen Urknall hier. )

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1) vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Urknall. - Kritik an der "Urknall"-Theorie (besser gesagt, wie ich meine: -Hypothese) wird in dem Wikipedia-Artikel ausgespart, s. Diskussionsteil zu ihm.- Ein oszillierendes Universum wird in der "Big Bounce"-Theorie angenommen (ebenfalls Wikipedia, sehr kurz). Diese Theorie verwendet die Vorstellung, daß die Zeit gequantelt sei, damit die Singularität kurz vor dem "Urknall" vermieden wird; doch bringt das, nach meinem Dafürhalten, neue Probleme mit sich, auf die ich hier nicht eingehen möchte. –
Bezüglich der Ironie, vgl. hier: http://www.deutschlandradio.de/archiv/dlr/sendungen/zeitreisen/285769/index.html: "Als die Astronomen entdeckten, dass sich im Himmel alles auseinander bewegt, folgerten sie logisch, dass irgendwann alles einmal in einem Punkt verbunden war. Die Reise an den Rand des Kosmos war zum Trip an den Anfang der Zeit geworden. Der Forscher Fred Hoyle machte sich darüber lustig und sprach - als wär's Sylvester - spöttisch vom großen Knall: dem 'Big Bang'." Der Artikel enthält Hinweise auf zahlreiche Schöpfungs- bzw. Entstehungsmythen von Völkern und außerdem den folgenden Absatz:
"Das Nichts. Ein Platz ohne Zeit und Raum. Ohne Materie, doch voller Energie. Keine Logik, nur Quantenfluktuationen. Kein 'wenn, dann ...', nur 'sowohl, als auch ...' . Werden und Vergehen. Und doch ein Platz, wo jedes Naturgesetz entstand: all die Regeln, ohne die es uns heute gar nicht gäbe. Weil es dort keinen Halt mehr gibt, mussten Theorien her. 'Theo-ria' aber heißt 'Gottesschau'! Da werden Glaubensätze zum Fundament der Forschung. Da werden in der Hoffnung, dass irgendetwas greife, Realitätsfäden in einen unbekannten Raum gelegt. Und die unglaublichsten Theorien entworfen."
Apropos "keine Logik": in dem davor wiedergegebenen Ausschnitt steht: "..., folgerten sie logisch, dass irgendwann alles einmal in einem Punkt verbunden war". "Logisch" ist das keineswegs.
2) Der Ausdruck stammt von dem belgischen Astronomen und katholischen Priester Georges Lemaître (1894-1966). Der überaus produktive amerikanische Biochemiker, Sachbuch- und Science-Fiction-Autor Isaac Asimov (1929-1992), hier als Universalgelehrter bezeichnet (er schrieb Bücher u. a. über die Bibel und Shakespeare), äußerte sich in seinem Buch "Das Wissen unserer Welt" dazu wie folgt: "Lemaître konnte natürlich keine wissenschaftliche Erklärung dafür liefern, woher das kosmische Ei gekommen war und wie seine Explosion zu unserem heutigen Universum geführt hatte. Mit diesen Fragen mühen sich die Physiker bis heute ab." Ich selber glaube, daß dieses Bemühen, was den ersten Teil dieser Frage, die Herkunft des kosmischen Eis betrifft, keine Aussicht auf Erfolg hat.

Nachträge
Juli 2007: Inzwischen gibt es zumindest einen theoretischen Physiker, der es wagt zu fragen, was vor dem "Urknall" war, vgl. hier: http://www.astronews.com/news/artikel/2007/07/0707-005.shtml. Was er anzubieten hat, ist ebenfalls ein mathematisches Modell, das beschreibt, wie es gewesen sein könnte. Sicherheit besteht bei ihm ebenso wenig wie bei allen Forschungsergebnissen, die sich mit zeitlich sehr weit Zurückliegendem beschäftigen. (Als Außenstehender kann man sich in diesem Zusammenhang noch fragen, welchen Wert solche Modelle haben, wenn der Grad ihrer Annäherung an das, was "wirklich" war, unklar bleibt. Sind wir dicht dran oder meilenweit davon entfernt? Geht man dabei vielleicht sogar in eine ganz falsche Richtung? Derartiges hat es in der Wissenschaft öfter gegeben: vorhandene Modelle, deren Falschheit sich mehr und mehr herausstellte, wurden zunächst noch eine Weile verteidigt, dann immer stärker modifiziert und schließlich ganz verworfen. Dabei spielte auch etwas sehr Menschliches eine nicht unbeträchtliche Rolle: das Generationsproblem. Die jüngeren Forscher wollten es anders machen als ihre Vorgänger, bei denen sie gelernt hatten, und diese verstanden die Jungen zum Teil nicht mehr, lehnten ihre neuen Ideen ab.)
Sept. 2009, gefunden im Internet, Vermutung: Es gab nicht nur einen Urknall:
http://www.focus.de/wissen/wissenschaft/~astrophysik-ein-universum-vor-unserer-zeit_aid_663311.html
Nov. 2011: http://www.zeit.de/2009/44/Cern/komplettansicht: "Ist Gott Mathematiker?" - langer, feuilletonistisch als Interview aufgemachter Artikel über den Urknall, Gott, CERN ... - Der in dem Artikel genannte Teilchenphysiker und Antimateriespezialist Professor Rolf Landua gehört zu denen, die ohne tatsächlichen Beweis fest daran glauben, daß es den "Urknall" gab. Siehe z. B. hier: "Landua: Alle Naturgesetze sind in Bruchteilen von Sekunden nach dem Urknall vor 13,7 Milliarden Jahren entstanden." –
Und hier das Gegenteil: http://www.deutschlandradiokultur.de/ein-plaedoyer-fuer-das-zweifeln~ am Urknall

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