Unverhofft

Baff ist ein gut aussehender Mann zwischen dreißig und vierzig, charmant und von gewinnendem Wesen. Der komisch klingende Name ist nicht sein wirklicher (und schon gar nicht sein vollständiger), sondern ein Spitzname, dem ihm heimlich gute Bekannte und Freunde angehängt haben, weil er die Angewohnheit hat, öfter zu sagen: "Da bist du baff!"

Von Beruf ist er Chemiker, sogar Doktor (Thema seiner Dissertation: "Die Verdünnisierung von NaCl-Partikeln in Dihydrogenmonoxid"), und sein Brot verdient er sich als Chemie- und Physiklehrer an einem Gymnasium. Die Mädchen himmeln ihn an, während die Jungen auf ihn böse sind, weil sie denken, dass er den Mädchen bessere Noten als ihnen gibt. Sie respektieren und bewundern jedoch Baffs sportliche Aktivitäten beim Tennis und beim Fußball. Hierbei ist er eine Lokalberühmtheit, worauf er sich nicht wenig einbildet.

Sein Unterricht ist so-la-la: unkonzentriert und langweilig; bisweilen verliert er den Faden. In Physik bereitet er sich oft nicht ordentlich vor; besser ist es damit in Chemie.

Baff glaubt an den Urknall und so etwas wie: "Es gab vorher keinen Raum; das Universum schuf sich seinen eigenen Raum, der erst mit dem Urknall entstand."[1] Die durch das Wort "schuf" gegebene Parallele zur biblischen Schöpfungsgeschichte fällt ihm nicht auf.

Er verbreitet atheistische Lügenmärchen[2], auch unter seinen Schülern.

Baff hat ein gutes Einkommen und bewohnt ein nettes kleines Appartement. Beruflich ist er mit sich sehr zufrieden. Bei der Übernahme ins Beamtenverhältnis äußerte er gegenüber Kollegen im Lehrerzimmer, nun habe er ausgesorgt. Das Gleichnis vom reichen Kornbauern[3] im Lukas-Evangelium ist ihm unbekannt. Sein Einsatz für die Schule bleibt gering.

Außerhalb von ihr führt er ein angenehmes Leben, wie es heute für viele normal ist. Er trinkt Alkohol und probiert Drogen, lässt sich tätowieren und trifft sich als prinzipieller Junggeselle mit fremden Frauen zu eindeutigen dates.

Auf einem der ihm als Klassenlehrer vorgeschriebenen Elternabende begegnet er einem Pastor und fragt ihn in provozierender Absicht: "Sagen Sie 'mal: spielt man im Himmel auch Fußball?" Der ist ob dieser Unverschämtheit leicht verärgert, lässt sich jedoch nichts anmerken und sagt: "Selbstverständlich! Und Sie gehören nächste Woche schon zur Mannschaft." Baff lacht kurz auf. Für ihn ist die Antwort nicht mehr als ein guter (oder schlechter) Witz.

Der Pastor hat unrecht. Baff lebt noch lange. Wann er stirbt, entscheidet ein Anderer: der Höchste.[4]

Es passiert ihm aber Schreckliches.

Eines Nachmittags ist er allein im Chemiesaal und bereitet ein nicht ganz ungefährliches Experiment für die nächste Unterrichtstunde vor. Zwei verschiedene Substanzen, jede für sich harmlos, reagieren heftig miteinander, wenn man sie zusammenbringt. Nimmt man jeweils zu viel davon, kann es zu einer schweren Explosion kommen. Und genau das geschieht. Baff hat sich in den Mengen verschätzt. Es gibt einen gewaltigen Knall, begleitet von einem hellen Lichtblitz, wie er ihn noch nie erlebt hat. Entsetzt weicht er zurück und fliegt der Länge nach zu Boden.

Er kann nichts mehr sehen – vollkommen schwarz ist ihm vor Augen und geht nicht weg. Die Ärzte erklären es später so, dass das überaus starke Licht beide Netzhäute zerstört hat, weil die Augenlinsen wie Brenngläser wirkten.

Und Baff kann auch nichts mehr hören. Der donnerhafte Explosionsknall ließ seine Trommelfelle platzen. Das Innenohr, das die mechanischen Schallschwingungen in elektrische Impulse umwandelt und zur Auswertung ins Gehirn weiterleitet, ist durch Überlastung irreparabel geschädigt.

Der Hausmeister kommt herbeigestürzt. Er bestellt sofort den Krankenwagen.

Und nun liegt Baff in einer Spezialklinik, hilflos und desorientiert. Die Ärzte sagen, sie könnten nichts für ihn tun, doch er hört es nicht und sieht sie nicht, was vielleicht sein Glück ist. Er weiß nicht, was um ihn herum und mit ihm geschieht. Fremde Hände berühren ihn; er wird gefüttert, gewaschen und mit allem Nötigen versehen. Niemand von seinen Freunden, Schülern und Bekannten besucht ihn; es hätte auch keinen Zweck.

Baff ist schlechter gestellt als Hiob[5], dessen Leiden langsam zunahmen, bis sie schließlich unerträglich wurden. Bei Baff ging alles im Bruchteil einer Sekunde vor sich, und er war nicht darauf vorbereitet. Im Gegensatz zu Hiob kennt er Gott nicht, ist nicht imstande zu beten: "Vater vergib mir. Erbarme Dich meiner und heile mich." Nach und nach verliert er sein Zeitgefühl und dann ganz und gar den Verstand.

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[1] im Internet zu finden unter http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/~, Diskussionsbeitrag #30 v. 25.3.13
[2] Zum Beispiel verweist er auf die wegen ihres angeblichen Humors im Internet vielgepriesene "Bibel nach Biff". Und auf Dan Browns Buch "Sakrileg". In ihm wird behauptet, Jesus sei mit Maria Magdalena verheiratet gewesen, und diese sei schwanger nach Frankreich geflohen. Dort habe sie eine Tochter geboren, die zur Stammmutter der Merowinger geworden sei. Hierdurch glauben manche, dass bestimmte französische Könige direkte Nachkommen von Jesus Christus waren.
[3] Lukas12,16-21 Luther-Übers.;   Hoffnung für alle: Der arme Reiche
[4] El Elyon
[5] mehr über ihn

Und was ist dieses "Dihydrogenmonoxid", Thema von Baffs Doktorarbeit? Siehe hier (Wikipedia).     Eine Anwendung

Ergänzung

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