Über das Papsttum

(Ausschnitt eines Hauskreisvortrags am 27.4.05)

 

Als ich bei unserem letzten Treffen gefragt wurde, ob ich in unserem Hauskreis wieder einmal einen kleinen Vortrag halten möchte, war ich sofort dazu bereit, denn Themen gibt es dafür genug. Am folgenden Tage ließ ich mir einiges durch den Kopf gehen, und dann dachte ich, dass man einen bestimmten aktuellen Anlass, der viele Menschen, Katholiken wie Protestanten, aber auch Angehörige anderer Religionen dieser Tage sehr bewegte, nicht ungenutzt vorübergehen lassen sollte: den Tod von Johannes Paul II. und die Wahl seines Nachfolgers Benedikt XVI.  

 

Über beides ist uns durch Fernseh- und Presseberichte vieles bekannt, und hier möchte ich nichts wiederholen, sondern Euch statt dessen etwas über die Bedeutung und das Wesen des Papsttums, über seine Geschichte und mögliche neue Entwicklungen vortragen. Vieles weiß man ja über den Papst in Rom, egal, wer er im Augenblick gerade heißt, aber manches eben auch nicht.

 

Um es zu erfahren – falls man sich dafür interessiert – , muss man ohne Computer zu Hause in Büchern nachschlagen, zum Beispiel in einem Konversationslexikon, oder sich in Büchereien begeben. Dabei ist klar, dass die neuesten Details in Büchern noch gar nicht beschrieben und erklärt sein können. Da helfen schon eher Zeitungen und Zeitschriften.

 

Am schnellsten, aktuellsten und oftmals auch sehr gründlich sind Beiträge im Internet. Von dort habe ich in den letzten Tagen einiges zu unserem Thema zusammengetragen.

 

Aber nicht nur. Als Christen ist die Basis für uns nicht das Internet oder das Fernsehen, sondern die Bibel. Sie muss man als erstes befragen, wenn man wissen möchte, worauf sich das Papsttum gründet, wodurch es entstand.

 

Und hier finden wir bei Matthäus im 16. Kapitel, Vers 18-19 eine wegweisende Stelle, auf die sich die Katholische Kirche beruft:

 

Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Und dir will ich geben die Schlüssel über das Himmelreich. Was du auf Erden bindest, soll im Himmel gebunden sein. Und was du auf Erden lösest, soll im Himmel gelöst sein.

(Text der Einheits-Übersetzung)

 

Nach der Überlieferung soll Petrus 25 Jahre lang die christliche Urgemeinde als Bischof geleitet haben, und die Katholische Kirche sieht die Päpste in ununterbrochener Folge als seine Nachfolger an. Sie betrachtet sie außerdem als Stellvertreter Christi auf Erden.

 

Dies wurde zunächst von der Orthodoxen Kirche und später, zur Zeit Luthers, von der Evangelischen bestritten. Dafür gibt es starke historische Argumente, die die katholische Überlieferung in Frage stellen. Auch ist der Begriff "Stellvertreter Christi auf Erden" nicht biblisch.

 

Hinzu kommt, dass sich die Päpste oft nicht einwandfrei in Seinem Sinne verhielten. Einzelne, die durch Bestechung, Ämterkauf oder politischen Einfluß weltlicher Herrscher an die Macht kamen, lebten extrem unmoralisch; andere waren ausgesprochene Verbrecher. Natürlich waren nicht alle so; es gab auch viele, die darum bemüht waren, dem Anspruch ihres Amtes, wie sie es sahen, gerecht zu werden.

 

Auch die Papstwahlen, von denen wir jetzt eine miterlebten, verliefen des öfteren ungeordnet, ja chaotisch, zum Teil gewaltsam ab. Dies hatte zur Folge, daß es zeitweise mehrere Päpste zugleich gab, die sich gegenseitig das Amt streitig machten. Bekannt ist auch, dass die Päpste die "Heilige Stadt", wie sie Rom nannten (und wie es von manchen heute noch genannt wird), verlassen mussten und 121 Jahre (zwischen 1309 und 1430) unter französischem Schutz in Avignon residierten. (Diese Zeit wird auch als die "Babylonische Gefangenschaft" der Päpste bezeichnet.)


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Inhaltlich ist am älteren Papsttum vor allem auszusetzen, dass vor allem die Katholische Kirche jahrhundertelang eine fürchterliche geistliche und geistige Diktatur ausübte, der ungezählt viele Menschen zum Opfer fielen, die verbrannt oder auf andere grausame Weise umgebracht wurden, weil sie nicht das glaubten, was von Rom (oder aus Avignon) verkündet wurde.

 

Was geglaubt werden durfte oder vielmehr sollte, stand nicht nur in der Bibel, sondern wurde auf Konzilien beschlossen, von denen Martin Luther bemerkte, dass sie sich teilweise geirrt hätten. 

 

In der Neuzeit spielten vor allem zwei solcher Konzilien eine bedeutsame Rolle: Das Erste und Zweite Vatikanische Konzil.

 

Das Erste fand von 1869-70 statt und wurde von piemontesischen Truppen, die Rom eroberten und den Vatikan besetzten, vorzeitig beendet. Es war noch sehr streng und besonders in einem Detail für Protestanten völlig unannehmbar – auch für viele Katholiken:

 

Das Konzil dekretierte die Unfehlbarkeit des Papstes.

 

Es war eine Kampfveranstaltung gegen Demokratie und Meinungsfreiheit, nicht nur in Glaubensdingen, sondern auch in den Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Den Unfehlbarkeitsbeschluss lehnten mehrere Bischöfe zuerst ab, unterwarfen sich jedoch einige Zeit später. Noch vor der Abstimmung über die Unfehlbarkeit verließ rund ein Viertel der stimmberechtigten Teilnehmer unter Protest das Konzil. Auf starke Ablehnung stieß der Beschluss in Frankreich und im deutschsprachigen Raum bei zahlreichen Theologen, Kirchenrechtlern und Kirchenhistorikern an den Universitäten. Sie wurden exkommuniziert und verloren dadurch nicht nur ihre kirchlichen, sondern auf päpstliches Verlangen auch ihre Staatsämter, sofern sie welche hatten. Die Katholische Kirche hatte damals, d. h. vor rund 130 Jahren, in vielen Ländern noch großen Einfluss auf die weltlichen Regierungen.


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Das Zweite Vatikanische Konzil dauerte drei Jahre von 1962-65 und wurde von Papst Johannes XXIII. einberufen und geleitet. Es unterschied sich vom Ersten grundlegend, indem es vor allem für Religionsfreiheit und den verstärkten Dialog mit Andersgläubigen plädierte. Der damalige Papst wies ausdrücklich auf die Notwendigkeit hin, bestimmte  dogmatische Sätze an das gegenwärtige Zeitalter anzupassen. Fortgesetzt und beendet wurde das Zweite Vatikanische Konzil nach dem Tod von Johannes XXIII. durch Papst Paul VI.

 

Das Zweite Vatikanische Konzil stellte im Gegensatz zum Ersten keine neuen Dogmen auf, widerrief aber auch nicht das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes. Zu diesem, wie gesagt, für uns Protestanten unannehmbaren Grundsatz noch ein paar Worte mehr:

 

Unfehlbar, d. h. frei von Irrtum in allen Dingen, die den Glauben, das Wesen und das Leben des Menschen betreffen, ist nur Gott. Darüber sind sich auch die Katholiken im klaren. Sie halten es aber für möglich und in ihrem Fall sogar für gegeben, dass Gott einzelnen Menschen die Unfehlbarkeit aus bestimmten Gründen verleiht - ein allmächtiger Gott kann nach dieser Meinung die Unfehlbarkeit eines Menschen sicherstellen.

 

Etwas vorsichtiger sind die Orthodoxen. Sie kennen nur die Unfehlbarkeit der Kirche. Dieser Glaube besagt, der Heilige Geist werde nicht zulassen, dass die gesamte Kirche sich in Irrlehren verliert, sondern werde einen Weg schaffen, dies zu verhindern. Jedoch ist keine einzelne Person oder Institution unfehlbar - auch nicht ein Ökumenisches Konzil, ein Kirchenlehrer oder gar der Patriarch von Konstantinopel, das Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche. (Dieser entspricht dem Papst in Rom, hat aber, anders als dieser und als "Gleicher unter Gleichen" keine Weisungsbefugnisse gegenüber anderen Patriarchaten.)

 

Wegen der von der Katholischen Kirche angenommenen Unfehlbarkeit des Papstes spaltete sich nach dem Ersten Vatikanischen Konzil die sogenannte "Altkatholische Kirche" ab. Sie entstand aus einer innerkatholischen Widerstandsbewegung und kennt daher keine unfehlbare Instanz oder Person innerhalb der Kirche, steht aber dem Glauben der Orthodoxen Kirche über die Unfehlbarkeit der Kirche als Ganzes nahe.

 

Was die Evangelische Kirche über ihre eigene Unfehlbarkeit sagt, weiß ich nicht; dies wäre einmal ein interessantes Thema für sich, dem man nachgehen könnte.

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Der neue Papst hatte 15 Vorgänger mit dem Namen Benedikt, was auf deutsch "der Gesegnete" heißt. Zwei von ihnen können von uns ein gewisses Interesse beanspruchen:  Benedikt V. und Benedikt XV. Der erste lebte schon vor über tausend Jahren. Er war von den Römern zum Papst gewählt worden; seine Wahl wurde aber, weil bei ihr die damals vorgeschriebene kaiserliche Mitbeteiligung fehlte, nicht anerkannt. Er galt als Gegenpapst, wurde  zum Diakon degradiert und starb 966 im Gefängnis des Erzbischofs Adalbert in Hamburg.

 

Wichtiger ist allerdings Benedikt XV., der unmittelbare Namensvorgänger des neuen Papstes. Er regierte von 1914 bis 1922 und gilt als "Friedenspapst", weil er sich trotz seiner Sympathie für Frankreich im Ersten Weltkrieg für die strikte Neutralität der Kirche einsetzte, Versuche der Friedensvermittlung zwischen den kämpfenden Parteien unternahm und nach dem Kriegsende gegen eine zu große Härte der Siegermächte gegenüber den Besiegten eintrat; so lehnte er zum Beispiel den Versailler Vertrag ab, der neben anderem zum Keim für den Zweiten Weltkrieg wurde.

 

Diesen "Friedenspapst" nahm sich der Neue durch seinen Namen zum Vorbild.

 

Ein Papst, der ebenfalls einen solchen Ehrentitel verdiente, war, wie wir alle wissen, der verstorbene Johannes Paul II. In einem vielbeachteten, öffentlichen Schuldbekenntnis wies er darauf, dass die Kirche fast zweitausend Jahre lang pauschal und unberechtigter Weise die Juden als "Christusmörder" bezeichnete, was sehr zu ihrer Verfolgung und Ermordung in christlichen Ländern beitrug.

 

Johannes Paul betete als erster Papst in einer Synagoge, aber auch in einer islamischen Moschee und setzte sich bei von ihm organisierten Treffen mit Vertretern anderer Religionen in Assisi konkret für den Frieden zwischen den Religionen ein. Er predigte auch in mindestens in einer evangelischen Kirche, nämlich der deutschen ev.-lutherischen Kirche in Rom, in der ich vor ein paar Jahren am Gottesdienst teilnahm; dort sah ich eine entsprechende Tafel, die an den Papstbesuch erinnerte.

 

Diesem Ziel: dem respektvollen Frieden zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Kulturen sowie innerhalb der zersplitterten Christenheit fühlt sich auch der neue Papst verpflichtet, wie er in seiner ersten Predigt in der Sixtinischen Kapelle zum Ausdruck brachte.


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Von "progressiver" Seite gibt es einiges an Kritik gegenüber Benedikt; er sei stockkonservativ, habe nur das Dogmatisch-Formale der Kirche im Auge und übersehe den Menschen. Dies betrachte ich als reine, zum Teil von Atheisten kommende Propaganda. Andere schildern den Neuen als zurückhaltend, bescheiden und im Grunde warmherzig.

 

Seine sozusagen "weltliche" Prägung neben der geistlichen erhielt er vor ca. vierzig Jahren im universitären Bereich, wo die linken, "ordinären" (wie er sagte), marxistischen "68er" ihn übel behandelten.

 

Insgesamt setze ich auf den neuen Papst große Hoffnungen. Schließlich gibt es in der ganzen Welt eine Milliarde Katholiken, die einer christlichen Führung bedürfen. Im protestantischen Bereich fehlt es an Einheitlichkeit, und nicht selten haben sich hier Geistliche wie Laien von der Bibel und von Jesus Christus weit entfernt, was auch unser Pastor Michael Schulze in seinen Predigten immer wieder beklagt. Zum Abschluss dieses Vortrags, bei dem wegen seines eng begrenzten zeitlichen Rahmens vieles nur angedeutet werden konnte oder gar weggelassen werden musste, was auch noch interessant gewesen wäre, noch ein paar weitere, mehr persönliche Anmerkungen von mir:

 

Als junger Mensch musste ich mehrfach an befohlenen politischen Demonstrationen teilnehmen, bei denen sich hohe Parteifunktionäre auf einer Tribüne von den vorbeiziehenden "Massen" feiern ließen. Diese Demonstrationen kamen niemals spontan und freiwillig zustande, sondern immer nur unter Zwang, und was viele Teilnehmer innerlich dachten, kann man sich vorstellen. Ganz anders war es  jetzt bei den Zusammenkünften auf dem Petersplatz in Rom, sowohl nach dem Tode von Johannes Paul wie in der Erwartung des neuen Papstes und nach seiner Wahl.

 

Da kamen die Leute, abgesehen von den Einwohnern Roms, zum Teil von weit her, und zwar freiwillig, gänzlich ohne Zwang. Das hat mich, in Erinnerung an früher, sehr beeindruckt. Viele beteten, manche hatten Tränen der Trauer und der Freude in den Augen, einige knieten auf dem harten Pflaster. Anders als bei weltlichen Versammlungen wie etwa bei Fußballmeisterschaften oder Festivals in der Art von Woodstock1), wo auch Alkohol und Drogen eine Rolle spielen und viel herumkrakeelt wird, herrschte bei den Papstbesuchern in Rom eine bemerkenswerte Disziplin und Ruhe, auch wenn die Teilnehmer nach der Wahl des neuen Papstes freudig erregt waren.

1) "festival for peace and music", 1969, in Woodstock, USA, mit 400000 Teilnehmern; ein Höhepunkt der Hippy-Bewegung  

 

Dem starken Andrang und der großen Beachtung, die die Ereignisse der letzten Wochen seit dem 2. April auch bei denen fanden, die nicht  dabei waren, entnehme ich, dass es nicht wenige Menschen gibt, die sich nach einer bedeutenden geistlichen Führungspersönlichkeit sehnen.

 

Wir selber rufen uns zwar immer wieder das Jesus-Wort ins Gedächtnis: "Wenn zwei oder drei in Meinem Namen zusammen sind, bin ich mitten unter ihnen", und dieses Wort kennen natürlich auch die Katholiken, aber es genügt ihnen offenbar nicht oder wenigstens nicht ganz.

 

Es ist ja auch nicht so leicht vorstellbar, dass Jesus, während wir hier sitzen oder im Gottesdienst, unsichtbar mit dabei ist; damit mag es zusammenhängen, dass viele Gläubige zusätzlich diese menschlichen Personen mit starker geistlicher Ausstrahlung suchen. Sie wollen, zumindest bei bestimmten feierlichen Anlässen, bei ihnen und mit ihnen zusammen sein, erhoffen von ihnen wegweisende Worte über Gott, Jesus Christus und den Heiligen Geist.

 

So, wie wir im kleinen, in unseren Gemeinden, auch unsere Pastoren haben und sie, wenn sie wirklich Gottes Wort predigen, als geistliche Autorität ansehen (jedenfalls tue ich das), so ist es im großem bei den Papstveranstaltungen in Rom.

 

In der Evangelischen Kirche fehlen solche führenden geistlichen Autoritäten, die das Interesse und die Zustimmung einer großen Anzahl von Gläubigen auf sich ziehen.

 

Allenfalls kennt man hier in unserem Bereich noch die Namen der Bischöfe oder Bischöfinnen der Nordelbischen Kirche; aber wer weiß zum Beispiel auf Anhieb zu sagen, wie der Ratsvorsitzende der EKD, der Evangelischen Kirche Deutschlands, heißt? (Antwort: Bischof Wolfgang Huber) Tritt er öffentlich und wegweisend in Erscheinung, so dass er auch wahrgenommen wird?

 

Es fehlt uns ein Wortgewaltiger wie Martin Luther, der die Menschen zur Umkehr auffordert, zu einem Weg zu Gott, und zwar schon seit 450 Jahren! Die Katholische Kirche hat seit dreißig Jahren und mehr, wenn man die Vorgänger von Johannes Paul II. hinzurechnet, solche Persönlichkeiten.


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Ich habe das ältere Papsttum, wie man es wohl tun muss, eher negativ beschrieben und charakterisiert, das neuere dagegen günstiger. Wenn man seine rund 2000jährige Geschichte betrachtet und damit die letzten hundert Jahre vergleicht, in denen sich einiges wünschenswert verändert hat, dann betragen sie nur rund fünf Prozent der Gesamtzeit. Oder anders ausgedrückt: wenn die ganze bisherige Dauer des Papsttums einer Stunde entspricht, dann bewegte sich der Zeiger einmal fast ganz herum und steht jetzt dicht vor der Zwölf. Was die Zukunft bringen wird, werden wir sehen. Auf jeden Fall gehöre ich nicht zu denen, die als Außenstehende weitgehende Forderungen an den neuen Papst und seine Kirche stellen und dabei zum Teil sehr persönlich und zum Teil ausgesprochen frech und unverschämt werden. Was ich an ihm bewundere, ebenso wie an seinem Vorgänger, ist sein fester Wille, die weitgehend atheistisch gewordene Bevölkerung Mittel- und Westeuropas, darunter uns selbst, zu Christus zurückzuführen.



Anhang


Einige Reaktionen linker, "liberaler" Kräfte:

 

Noch zu Johannes Paul II.:

«Was in diesen Tagen passiert, erinnert an die Trauerfeierlichkeiten eines Ayatollah Khomeni», sagte Drewermann laut einer Mitteilung am Montagabend im Fernsehsender ntv

 

Und zur Wahl des neuen Papstes:

 

Die liberale dänische Tageszeitung "Politiken" meint:

»Es kam wie erwartet und wie befürchtet. Die Entscheidung der 115 Kardinäle für Joseph Ratzinger als neuen Bischof von Rom und Papst für alle Katholiken auf der Welt war denkbar klar und so reaktionär wie überhaupt nur möglich. (...) Als Papst Johannes Paul II. starb, ging seine Partnerschaft mit Ratzinger als die von zwei großen theologischen Rückschrittlern über ein Vierteljahrhundert zuende. Der polnische Papst war das milde, charismatische und medienbewusste Antlitz der Kirche nach außen. Aber der deutsche Kardinal war der knochenharte Denker, der von der Kurie in Rom als Basis dafür sorgte, dass in den Samthandschuhen eine eiserne Faust steckte. Und jetzt, da die Partnerschaft beendet ist, erweist sich, dass die ultrakonservative Linie weitergeführt wird. Das ist ein globales Problem. (...) Die katholische Kirche in Europa befindet sich in einem gewaltigen Schrumpfungsprozess. Der deutsche Papst wird dafür sorgen, dass diese Entwicklung anhält.« (nz)

 

Der Schweizer Theologe Hans Küng ist der Meinung, der neue Papst Benedikt XVI. habe ein "Trauma" aus der Zeit der Studentenrevolte Ende der 60er Jahre. In einem Interview mit der deutschen Illustrierten "stern" sagte Küng, der damalige Theologieprofessor Joseph Ratzinger und er seien in Tübingen "diejenigen gewesen, in deren Vorlesungen linke Rollkommandos eindrangen und uns niederbrüllten." Es sei Ratzingers Sache nicht gewesen, ums Mikrofon zu kämpfen. "Ich meine, dass er aus dieser Zeit ein Trauma mitgenommen hat: Seither verdächtigt er alles, was von unten kommt", so Küng.

 

Wieder etwas Positives, Richtungweisendes:

    Kardinal Friedrich Wetter, Erzbischof von München und Freising:

 

"Der Papst ist nicht da, um alle Fragen der Menschheit zu lösen. Der Papst ist als Hirte der Kirche da, Zeuge der Auferstehung Christi zu sein. Er ist der Garant der Einheit der Kirche, muss die Kirche zusammenhalten, der Papst muss uns stärken im Glauben, den Menschen Hoffnung geben und Freude am Glauben. Und je mehr es gelingt, Christus zu verkünden, so dass Christus angenommen wird, in dem Maß werden sich viele Fragen, die uns heute beschäftigen, lösen."

   

   Nachtrag ( 2018)
Im April 2013 verzichtete Benedikt XVI. mit 86 Jahren aus Altersgründen auf die Weiterführung seines päpstlichen Amtes. Sein Nachfolger, Papst Franziskus, ist, nicht nur bei Katholiken, ebenfalls wegen seiner Bescheidenheit, vor allem aber wegen seines starken sozialen Engagements für die Armen in den unterentwickelten Ländern, weitgehend anerkannt und beliebt. Kinder aus aller Welt schrieben ihm, worauf er einem Teil von ihnen humor- und liebevoll antwortete, vgl. hier.

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