Über das Theodizee-Problem

Das Wort "Theodizee" kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Rechtfertigung Gottes". Als erster benutzte es der Philosoph, Historiker, Mathematiker und Physiker Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), der in seinen philosophisch-religiösen Betrachtungen zu der Ansicht kam, daß Gott "die beste aller möglichen Welten" geschaffen habe.1 Dabei berücksichtigte Leibniz durchaus, daß es in der Welt, in der wir leben, nicht nur Gutes, sondern auch Übles, Unglück und Leid gibt. Sein eigenes, persönliches Schicksal war nicht frei davon.

Der griechische Philosoph Epikur (341-270 v. Chr.) meinte, daß Gott entweder nicht allmächtig ist, weil er das Leid nicht beseitigen kann, oder nicht allgütig, weil er es nicht beseitigen will.

Hieran schloß sich eine unübersehbare Kette von Überlegungen verschiedener Autoren, die bis heute kein Ende gefunden hat. Ein Teil steht auch im Internet.

Die meisten Beiträge, die ich hier gelesen habe, bezeichnen das Theodizee-Problem als unlösbar. Um den ihm anhaftenden logischen Widerspruch zu beseitigen, müsse man eine der beiden Haupteigenschaften Gottes, wie sie auch im Christentum gelehrt werden, aufgeben: entweder seine Allmacht oder seine Güte, d. h. seine Liebe zu den Menschen, die seine Geschöpfe sind. Das liegt auf der von Epikur vorgezeichneten Linie.2

Im Gegensatz dazu hält Reinhard Schmidt das Theodizee-Problem für gelöst. In seinem Buch "Der Gott der Liebe ist für Leid, Schmerz und Tod nicht verantwortlich"3 erklärt er den Begriff "Allmacht" anders als im landläufigen Sinne.

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1 In seinem Essai de théodicée (erreichbar über http://abu.cnam.fr/BIB/auteurs/) schrieb er:
"L'on voit que Jésus-Christ, achevant ce que Moïse avait commencé, a voulu que la divinité fût l'objet non seulement de notre crainte et de notre vénération, mais encore de notre amour et de notre tendresse" - auf deutsch etwa:
"Als Jesus Christus das vollendete, was Moses begonnen hatte, wollte er, daß Gott nicht nur zum Gegenstand unserer Furcht und Verehrung, sondern auch unserer Liebe und Zärtlichkeit wird."
2 Nach dem sehr umfassenden Übersichtsartikel von Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Theodizee soll nicht Epikur, sondern ein anderer antiker, unbekannt gebliebener skeptischer Philosoph der Urheber dieser Überlegung gewesen sein.- Ein weiterführender Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust-Theologie
3 Libri Books on Demand, ISBN3-8311-0704-1. Das Buch, erschienen 2000 und anscheinend vergriffen, enthält außer religiösen Reflexionen klassisch gereimte Gedichte zu Themen aus Politik, Gesellschaft und Natur. Im Internet findet man sie hier: http://www.lyrik-licht-schatten.de. Daraus speziell: Gespräch über Gott: Das Problem der Theodizee

Nachtrag:
a) Die Katholische Kirche lehrt in etwas weiter gefaßtem Zusammenhang mit dem Theodizee-Problem: "Der Glaube gibt uns die Gewissheit, dass Gott das Böse nicht zuließe, wenn er nicht auf Wegen, die wir erst im ewigen Leben vollständig erkennen werden, sogar aus dem Bösen Gutes hervorgehen ließe." (Katechismus der Katholischen Kirche 324), zitiert in http://members.surfeu.at/veitschegger/texte/teufel.htm"
b) Die Theodizee gehört zu den selteneren Gesprächsthemen im öffentlichen Leben (jedenfalls bei uns). Der frühere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel erwähnte sie in einem Interview mit der ZEIT hier: http://www.zeit.de/2007/14/Sterben-Interview
c) Professor Gerhard Streminger, österreichischer Philosoph, der auch Mathematik studierte, beweist hier in einer ausgedehnten, sehr sorgfältigen Untersuchung mit logischer Strenge, daß das Theodizee-Problem, wie er es definiert, nicht lösbar ist. Am Ende seiner Ausführungen steht: "... so ist jedes Vertrauen in einen ethisch vollkommenen Gott blind." Bemerkenswert scheint mir, dass Herr Professor Streminger nicht schreibt, es sei sinnlos. Dies wäre schlimmer als "blind". Liebende vertrauen einander oft blind und fahren nicht schlecht dabei.

Ergänzungen
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