Aus den Briefen des Paulus

Römer l, 18-25 (nach "Hoffnung für alle")

"Gottes heiliger Zorn trifft alle Menschen, die sich gegen ihn auflehnen. Sie führen ein gottloses Leben, voller Ungerechtigkeit und unterdrücken dadurch die Wahrheit. Dabei wissen sie genau, dass es Gott gibt, er selbst hat ihnen dieses Wissen gegeben. Gott ist zwar unsichtbar, doch an seinen Werken, der Schöpfung, haben die Menschen seit jeher seine göttliche Macht und Größe sehen und erfahren können. Deshalb kann sich niemand damit entschuldigen, dass er von Gott nichts gewusst hat.

Obwohl die Menschen Gott schon immer kannten, wollten sie ihn nicht anerkennen und ihm nicht danken. Statt dessen beschäftigten sie sich mit belanglosen Dingen und konnten schließlich in ihrer Unvernunft Gottes Willen nicht mehr erkennen. Sie meinten besonders klug zu sein und waren in Wirklichkeit die größten Narren. Statt den ewigen Gott zu ehren, begeisterten sie sich für vergängliche Idole; abgöttisch verehrten sie sterbliche Menschen, ja sogar alle möglichen Tiere1. Deshalb hat Gott sie auch all ihren Trieben und Lastern überlassen, so dass sie sogar ihre eigenen Körper schändeten. Indem sie die Schöpfung anbeteten und nicht den Schöpfer, haben sie Gottes Wahrheit verdreht und ihre eigene Lüge geglaubt. Aber dem Schöpfer allein gehören doch Lob und Ehre - das ist gewiss!"

1 Wörtlich: Vögel, Vierfüßler, Schlangen (z. B. damals bei den Ägyptern)

Anm.: Es lohnt sich, hier in der Bibel weiterzulesen. Teile des Römerbriefs, vor fast zweitausend Jahren geschrieben, lassen sich fast wörtlich auf die heutige Zeit übertragen. Das wird besonders deutlich, wenn man bei ihnen statt der Vergangenheitsform des Originals das Präsens verwendet.

*

Leider gibt es, eingebettet in zahlreiche Hinweise und Ermahnungen des Römerbriefs, wie wir uns als Christen gegenüber unseren Nächsten und in der Gemeinde verhalten sollen, eine überaus bedenkliche Stelle, die auf mich wie ein eingeschobener, thematisch nicht hinzugehöriger Zusatz und Fremdkörper wirkt. Es ist der Anfang von Kapitel 13, hier wiedergegeben in der Übersetzung von "Hoffnung für alle":

"Der Christ und die staatliche Ordnung
1 Jeder soll sich den bestehenden staatlichen Gewalten unterordnen. Denn es gibt keine staatliche Macht, die nicht von Gott kommt; jede ist von Gott eingesetzt. 2 Wer sich also den Regierenden widersetzt, handelt gegen die von Gott eingesetzte Ordnung und wird dafür von ihm verurteilt werden. 3 Wer gut und richtig handelt, braucht die staatliche Macht ohnehin nicht zu fürchten; das muss nur, wer Böses tut. Wollt ihr also ohne Angst vor Bestrafung leben, dann tut, was richtig und gut ist, und euer Verhalten wird Anerkennung finden. 4 Die öffentliche Gewalt steht im Dienst Gottes zum Nutzen jedes Einzelnen. Wer aber Unrecht tut, muss sie fürchten, denn Gott hat ihr nicht ohne Grund die Macht übertragen, Strafen zu verhängen. Sie handelt im Auftrag Gottes, wenn sie alle bestraft, die Böses tun. 5 Es sind also zwei Gründe, weshalb ihr euch der staatlichen Macht unterordnen müsst: Zum einen ist es das drohende Urteil Gottes, zum anderen aber auch euer Gewissen. 6 Und weil die Vertreter des Staates ihren Dienst im Auftrag Gottes ausüben, zahlt ihr Steuern. 7 Gebt also jedem, was ihr ihm schuldig seid. Zahlt die Steuern, die man von euch verlangt, ebenso den Zoll. Unterstellt euch der staatlichen Macht, und erweist denen, die Anspruch darauf haben, den notwendigen Respekt."

Unbegreiflich erscheint mir, warum sich Paulus in dieser absoluten, keinerlei Abstufung enthaltenden Weise äußert. Gewiß konnte er nicht die gottlosen, geradezu teuflischen Regime der Neuzeit vorausahnen, an deren Spitze der Nationalsozialismus und Kommunismus standen; aber auch zu seiner Zeit gab es genügend Machtmißbrauch durch die Regierungen und deren Organe. Ein bekanntes Beispiel hierfür war die in Mt 2,16 erwähnte, von König Herodes befohlene Ermordung aller männlichen Kinder bis zu zwei Jahren in Bethlehem und Umgebung kurz nach Christi Geburt. Andere Teile der Bibel sind voll von Klagen der Propheten über Herrscher, die ihr Amt zum Schaden des einzelnen wie des ganzen Volkes ausübten. In den beiden Makkabäer-Büchern, die nicht Bestandteil der protestantischen Bibel sind, wird beschrieben, wie sich käufliche Hohepriester und andere Machthaber gegenseitig stürzten und umbrachten – alle ohne die geringste Achtung vor Gott und Seinem Gesetz. Auch in früheren Teilen des Alten Testaments werden die Verschwendungssucht, Überheblichkeit und Grausamkeit einzelner Könige verurteilt, die weder Gehorsam noch Respekt verdienten und in der Bevölkerung auf starke Ablehnung stießen.

Bei seiner autoritätsgläubigen Haltung gegenüber der Staatsmacht muß ich daran denken, daß Paulus ihr als unbarmherziger Christenverfolger eine Zeit lang selber diente. Wirkte das in ihm immer noch nach?

Denken muß ich auch an den bis heute hochgeachteten, evangelischen Theologen und Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, der einer verbrecherischen Regierung Widerstand leistete. Der fragwürdige Absatz aus dem Paulusbrief war ihm sicherlich gut vertraut. Er entschied sich gegen ihn, folgte seinem Gewissen und wurde von den Nationalsozialisten ermordet.

Die kirchliche Auseinandersetzung mit Römer 13,1-4 , soweit sie im Internet verfolgt werden kann, ist nach meinen Beobachtungen eher verhalten und oberflächlich. Eine Ausnahme bildet diese Predigt. Auch sie ist durch Ratlosigkeit geprägt und endet in einem fiktiven Dialog mit dem Apostel, der ihn anscheinend etwas entlasten soll.

Die Predigt zitiert zum Glück auch dies: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen." (Apg. 5,29) sowie das Jesuswort: "Ihr wisst doch, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun" (Matth. 20, 25). Beides steht im Gegensatz zu dem, was Paulus der Gemeinde in Rom schrieb, und schwächt den davon ausgehenden, ungünstigen Eindruck ab.

Nachtrag: Hier auf Seite 17 in der Fußnote 77 wird daran erinnert, dass Otto Dibelius, 1959/60 Ratsvorsitzender der EKD und Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, in einer Schrift von 1960 erklärte, "der SED-Staat sei keine rechtmäßige Obrigkeit, der man Gehorsam leisten müsse". Die Folgen seiner kritischen Einstellung zum SED-Regime waren für den Bischof gravierend, siehe auf derselben Seite.

Fortsetzung

"Prüfet alles, und das Gute behaltet!"
Zurück zur Themenübersicht, Teil 2