Über den Lieben Gott

Unser Pastor sagt nie "Lieber Gott", sondern stets "Guter Gott". Gegen das erste scheint er eine regelrechte Abneigung zu haben. Eines Tages fragte ich ihn, warum er sich so verhält. Leider war er, was ich vorher nicht bemerkt hatte, etwas in Eile, und so antwortete er kurz und ohne Begründung: "Es gibt keinen 'lieben Gott'. Gott ist nicht lieb". Danach wollte ich ihn nicht noch einmal fragen.

Früher schlug man, wenn einen die Bedeutung eines Begriffs, einer Ausdrucksweise oder Redewendung interessierte, in einem Fach- oder allgemeinbildenden Wörterbuch nach. Im Zeitalter des Computers bietet das Internet viele Möglichkeiten. Bei der Eingabe des Suchwortes "der liebe Gott" wurde mir fast nur Weltlich-Triviales angezeigt, auch Lästerliches und Dummes sowie Tadelndes im Sinne von "Wie kann der liebe Gott das zulassen?" Von gläubiger, kirchlicher Seite fand ich kaum etwas, obwohl ich sehr danach suchte. Aus evangelischer Richtung waren es nur zwei Stellen, die sich der Frage nach dem lieben Gott in der Weise beschäftigen, wie sie mich bewegt.

Die erste ist ein Kommentar zu dem Buch von Peter Hahne über das Leid mit dem Untertitel: "Warum lässt Gott das zu?" [1] Zwei auch optisch hervorgehobene Kernsätze in ihm lauten: "Der 'liebe' Gott ist tot! Es hat ihn nie gegeben! Das ist die Wirklichkeit!"

Das missfällt mir. So drücken sich auch Atheisten aus, wenn auch ohne das Wort "lieb". In dem Artikel wird anschließend geschrieben, dass Gott nicht der alte Mann mit langem Bart ist, nicht der Weihnachtsmann usw. Das weiß ich selbst, und so meine ich es auch nicht, wenn ich "lieber Gott" denke und zu ihm bete. Gläubigen Menschen braucht man es nicht vorzuhalten.

Weiter heißt es in dem Artikel, wir müssten unsere Vorstellung vom "lieben" Gott korrigieren und sie durch den liebenden Gott ersetzen. Diese sprachliche "Feinheit" empfinde ich als spitzfindig; ihre Begründung möchte ich hier nicht wiederholen.

Auf der zweiten Seite, die ich im Internet schließlich fand [2], heißt es gleich in der Überschrift: "Der Gott der Liebe ist nicht der liebe Gott". Die Liebe Gottes wird so beschrieben, als bestünde sie außer dem Opfer Gottes, das er in Gestalt seines Sohnes brachte, hauptsächlich aus Trauer über die Menschheit, die ihn ihrerseits zu wenig liebt und ihm nicht gehorcht. In drastischen Worten wird geschildert, wie Gott unter der Liebe, die von den Menschen nicht genügend erwidert wird, leidet, wie er deshalb "Herzschmerzen" und "-stiche" bekommt. Gott wird, wie in vielen anderen Auslegungen, auch hier stark vermenschlicht, was der Verfasser selber bemerkt, und es geht weiter mit Sätzen wie: "Der liebe Gott ist out, so wie er in der Bibel immer schon out gewesen ist. Sie erzählt von Mose an bis Johannes aus keine Geschichtchen vom lieben Gott, sondern die Geschichte vom Gott der Liebe." Dies alles ist mir zu krass, zu übertrieben, um mich dazu zu bringen, nicht mehr lieber Gott zu sagen. Ich liebe Ihn, und mit mir tun es Millionen Christen in der ganzen Welt. Warum soll ich nicht meinem Herzen folgen?

Noch ein paar weitere Anmerkungen dazu: "Guter Gott" ist vor allem wertend; "Lieber Gott" drückt Emotion aus. Und: Nach der Bibel (Römer 8,15f) dürfen wir durchaus "lieber Vater" sagen; warum nicht auch "lieber Gott"? Unsere Vorfahren hatten hierbei offenbar keine Bedenken. Das von ihnen viel gesungenes Kirchenlied [3] ist bis heute immer noch wohlbekannt. In einem anderen, das mit den Worten "Liebster Jesu, wir sind hier" beginnt, reden wir Gottes Sohn mit "lieb" an, sogar im Superlativ, weshalb also nicht auch den Vater selbst? Ich jedenfalls bleibe, wenn ich bete, bei lieber Gott und habe keine Angst, etwas Falsches zu tun. Wovor ich mich fürchte, sind engherzige Vorschriften und Sprachregelungen einzelner Pastoren und geistlicher Autoren, die einseitig, zum Teil anmaßend und wenig biblisch sind.

[1] http://www.jesus-online.de/article.php?article=272
[2] http://www.lebendige-gemeinde.de/archiv/0603eissler.html
[3] Johann Sebastian Bach, Kantate Nr. 93, Wer nur den lieben Gott lässt walten; Ev. Gesangbuch (Nordelb. Kirche) Nr. 369.

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