Ein Lied – und was dahinter steckt

Zum festen Repertoire zahlreicher christlicher Gospel- und anderer Chöre gehört "Joshua fit the battle of Jericho", auf deutsch: Josua focht die Schlacht von Jericho. Das Lied bezieht sich auf das Buch Josua, Kap. 6:

20Da erhob das Volk ein Kriegsgeschrei, und man blies die Posaunen. Und als das Volk den Hall der Posaunen hörte, erhob es ein großes Kriegsgeschrei. Da fiel die Mauer um, und das Volk stieg zur Stadt hinauf, ein jeder stracks vor sich hin. So eroberten sie die Stadt 21und vollstreckten den Bann an allem, was in der Stadt war, mit der Schärfe des Schwerts, an Mann und Weib, jung und alt, Rindern, Schafen und Eseln.
Was bedeutet hierbei: "den Bann vollstrecken"?

Meine Bibel-Ausgabe nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers von 1962 der Ev. Haupt-Bibelgesellschaft Altenburg erklärt dazu im Anhang S. 4:
«Bann: Hingabe von Personen und Sachen (z. B. von Kriegsgefangenen oder Beutestücken) an Gott zur völligen Vernichtung. "Den Bann vollstrecken" heißt: die völlige Vernichtung vollziehen ...»1)

Dies nur zur Ergänzung. Auch ohne sie ist nach V. 21 klar, was nach der Eroberung Jerichos mit den Einwohnern geschah: Männer, Frauen und Kinder wurden umgebracht.

Was also in dem Lied über den siegreichen Josua und seine Krieger vermeldet und oftmals mit Inbrunst besungen wird, war Massenmord an Zivilisten. So würden wir es, falls es heute passierte, nennen. Und es passiert in unserer Zeit: auf dem Balkan erst vor wenigen Jahren; in Afrika an mehreren Stellen immer noch.

Dies empört uns natürlich – nur im Falle Jericho empört sich niemand! Das liegt anscheinend zu weit zurück und ist durch die Bibel gewissermaßen "geheiligt". Hierbei sehe ich ganz davon ab, daß das Lied auch von denen gesungen wird, die nichts von Gott und der Bibel wissen oder wissen wollen. Bei ihnen ist der Song vom Fall Jerichos regelrecht zum Schlager verkommen, den sie gedankenlos vor sich hinträllern.

Massenmorde bei Kriegen gab es in der Antike, aber auch später, immer wieder. Vielfach gehörte es zu den Zielen, den überwältigten Gegner bis auf seine Wurzeln auszulöschen oder Teile von ihm in die Sklaverei zu verschleppen. Ein Beispiel aus der Neuzeit ist das Verhalten der deutschen Nationalsozialisten gegenüber den Völkern Europas im Zweiten Weltkrieg.

Im Falle Jerichos kommt hinzu, daß die Ermordung so vieler Menschen – übrigens im Widerspruch zum 5. Gebot: "Du sollst nicht töten!" – im Namen und angeblichen Auftrag Gottes geschah. Das trifft auch auf andere Stellen der Bibel zu, z. B. Jos. Kap. 11 mit der Überschrift (in der genannten Bibel): Die Ausrottung vieler kanaanitischer Stämme. (Im Kapitel davor, Vers 26, wird berichtet, daß Josua persönlich wehrlose Gefangene tötete, doch das nur nebenbei; die Grausamkeiten in dem genannten Buch insgesamt nehmen fast kein Ende.)

Wer waren nun die Kaananiter und die anderen Völker, denen so übel mitgespielt wurde und über deren Vernichtung sich sogar im Neuen Testamen der Apostel Paulus anerkennend äußerte (Apg. 13,19)?

Man findet in der Bibel nicht viel über sie (und auch nicht im modernen Internet). Was lediglich oft wiederholt wird, ist, daß sie fremde Götter anbeteten und unzüchtig waren. Auch sollen sie grausam gewesen sein, doch wird dies alles nicht genau spezifiert. Die Kanaaniter standen den Phöniziern nahe, waren wie diese ein Händlervolk und dabei sicher auch auf ihren eigenen Vorteil bedacht.

Ich halte das über sie Gesagte und Geschriebene in dieser Pauschalierung, die unschuldige Kinder und Frauen einschließt, für Propaganda als Auftakt und "Rechtfertigung" zum Töten. Genau dasselbe passierte, sozusagen mit umgekehrtem Vorzeichen und viele Generationen später, im "christlichen" Mittelalter den Juden: ihnen warf man die gleichen menschlichen Schwächen und Charakterzüge vor wie sie damals den Kanaanitern, darunter Geschäftstüchtigkeit und Unzucht. Dokumentiert wurden diese beleidigenden, unhaltbaren Vorwürfe in Stein an zahlreichen Kirchen.

So war es immer und zu allen Zeiten: die anderen, manchmal als Konkurrenten Auftretenden, deren Religion und Lebensweise einem fremd war und nicht paßte, über die man selber nur wenig wußte, wurden von oben her, d. h. durch Priester, Regierungen und ihnen willfährige Publizisten zu Feinden erklärt, zu minderwertigen Subjekten, deren Ausrottung eine Gott wohlgefällige Tat sein sollte. Dabei diente sie einzig und allein dem eigenen Interesse und nicht Gott!

Im Zusammenhang mit diesem, in meinen Augen schändlichen Vorgehen sehe ich auch das eingangs erwähnte Lied von Josua und den Mauern von Jericho.

Ich gehöre noch zu der Generation, die als Kind miterlebte, daß auf den Koppelschlössern deutscher Soldaten stand: "Gott mit uns". Damals wurden von Pastoren Waffen gesegnet, nicht nur auf unserer Seite, sondern auch bei den damaligen Gegnern.2) – Und mindestens ein Kreuzzug, durch den von christlicher Seite unzählig viele Menschen ermordet wurden, stand unter dem Motto: "Dieu le veut – Gott will es!"3)

Einen solchen Mißbrauch von Gottes Namen (im Widerspruch zum 2. Gebot!), ein solches eigensüchtiges Zurechtbiegen Seines angeblichen Willens kann und will ich nicht hinnehmen, auch nicht im Alten Testament. Daß hierüber in unserer Kirche entweder geschwiegen wird4) oder es im Gegenteil Predigten gibt, in denen die Eroberung Jerichos durch Josua ausdrücklich gefeiert wird, betrachte ich bei ihr als große Schwäche und Fehlleistung.

In einem der bekanntesten christlichen Computer-Netzwerke wird versucht, die Vorgänge bei der Eroberung Kanaans (verharmlosend: "Landnahme") mit Gottes Gerechtigkeit zu begründen, die anders ist als die von uns Menschen.5)

Und was speziell Jericho betrifft: die Einwohner wehrten sich nicht. Bevor die Mauern "umfielen", gab es zwischen ihnen und den Angreifern keine Gefechte oder sonstigen Auseinandersetzungen. Die Menschen in der Stadt behelligten nicht die in Kanaan eingedrungenen Israeliten. Jerichos Eroberung war also keine wie auch immer berechtigte Antwort auf etwas Vorhergegangenes, sondern ein reiner Aggressionsakt zum Zweck des Machtgewinns. Ebenso ist der anschließende Massenmord in meinen Augen durch nichts zu entschuldigen.

1868 wurde in Dibon im biblischen Lande Moab ein seltenes Dokument aus alter Zeit gefunden, welches über religiös motiviertes, militärisch-politisches Handeln Auskunft gibt, diesmal aber bei der Gegenpartei Israels: der "moabitische Stein", auch "Mescha-Stele" genannt. In dem auf diesem Stein eingegrabenen Text ist ebenfalls vom "Bannen" die Rede, offenbar im gleichen Sinne wie in der Bibel, nur daß alles auf den angeblichen Willen des Gottes der Moabiter, Asthar-Kamos oder einfach nur Kamos, zurückgeführt wird.

Im Laufe der Geschichte kam es in religiösen Dingen und in Bezug auf führende Personen immer wieder zu Auf-, Ab- und Umwertungen. Götter erhielten andere Namen; das Andenken an Pharaonen und Kaiser, die ihren Nachfolgern mißfielen, wurde gelöscht; eigene militärische Siege und sonstige Großtaten wurden übertrieben und falsch dargestellt. In ihrem populärwissenschaftlichen Buch behaupten zwei jüdische Autoren seit kurzem, die Eroberung Jerichos habe so, wie sie in der Bibel beschrieben wird, gar nicht stattgefunden. Dabei stützen sie sich auf neuere archäologische Funde, und es bleibt abzuwarten, ob sie sich mit ihrer Ansicht durchsetzen. Dies würde dann auch das von mir ungeliebte Lied "Josua fit the battle ..." berühren.
In einer Internet-Produktinformation der jüdischen Organisation haGalil
(http://astore.amazon.de/buchundjudenhaga/detail/3423341513) wird das Buch ausführlich besprochen, nach meinem Eindruck durchaus positiv. Eine Kundenrezension endet allerdings mit dem Gesamturteil: "Archeologie sehr gut - Religion mangelhaft" - dies mit einem interessanten, anschaulichen Vergleich. -
Eine kirchliche Stimme zu dem genannten Buch und über den Wahrheitsgehalt der Bibel findet man hier. Und hier etwas über neueste Entdeckungen in Jerusalem im Zusammenhang mit König Davids Palast.

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1) 5 Mos 7: "1Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er ausrottet viele Völker vor dir her, die Hethiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du, 2und wenn sie der HERR, dein Gott, vor dir dahingibt, dass du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken."
2) Lange vor meiner Zeit bildete hierbei – nach dem historischen Roman "Der Vater" von Jochen Klepper – der preußische "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. eine rühmliche Ausnahme. Dieser war ein tief gläubiger Christ, und über ihn heißt es in dem Buch auf S. 212: " 'Welcher Soldat den allerheiligsten Namen Gottes durch Beschwörung der Waffen, Festmachen oder andere dergleichen verbotene Teufelskünste und Zaubereien missbraucht, Gottes Majestät, Eigenschaften, Verdienst und Sakrament oder heiliges geoffenbartes Wort lästert, schmäht oder schändet, hat nach göttlichen und weltlichen Gesetzen sein Leben verloren' lautet eine königliche Order." (Zitiert in einem sehr gehaltvollen Referat von Ursula Homann über das Buch und den Dichter:
http://www.ursulahomann.de/JochenKleppersRomanDerVater~AlsZeitansage/komplett.html)
3) War das wirklich die richtige Grundeinstellung, die richtige Parole? Oder wollte Gott nicht vielmehr, als er uns Seinen Sohn schickte, daß Friede auf Erden herrsche?!
4) Mit "unserer" Kirche meine ich die evangelische. Von katholischer Seite findet man hier eine ausführliche Stellungnahme zu Teilen der Bibel, in denen Gott grausam erscheint:
http://members.surfeu.at/veitschegger/texte/gottgrausam2.htm. Sie enthält auch Erklärungen dazu, inwieweit die Bibel Gottes Wort ist. ("Die Bibel ist kein wörtliches Diktat Gottes...." "Die Verfasser der Bibel waren Menschen. Sie bedienten sich daher des Weltbildes, der Naturerkenntnis, der Sprachen und der Ausdrucksmittel ihrer Zeit....")
5) Nachtrag 2012: Das Netzwerk hieß Nikodemus.net und wurde im März 2010 abgeschaltet. Der oben erwähnte Artikel mit der bezeichnenden Überschrift "Gott und der Völkermord" ist noch hier archiviert: http://web.archive.org/web/20040904181925/http://www.nikodemus.net/979.

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