Das Internet und der Teufel

Von Zeit zu Zeit bekomme ich, ohne sie bestellt zu haben, kleine Hefte mit religiösem Inhalt zugeschickt. In ihnen wird dazu aufgefordert, zu glauben und zu leben, wie es die ersten Christen taten.

Eines dieser Heftchen ist dem Computer und speziell dem Internet gewidmet. Dieses sei, so heißt es darin, ein Werk des Teufels.

Nicht ausdrücklich erwähnt wird, aber zu vermuten ist, dass den Ausgangspunkt hierfür der Vers 18 im 13. Kapitel der Johannes-Offenbarung bildet. Sein Schluss lautet in der Elberfelder Bibel (9. Aufl., 2003):

"Wer Verständnis (Fußnote: o. Verstand) hat, berechne die Zahl des Tieres! Denn es ist eines Menschen Zahl; und seine Zahl ist 666!" Ganz ähnlich schreibt die "Hoffnung für alle" – wichtig ist auch bei ihr die 666 als Ziffernblock.

Die Elberfelder Bibel ergänzt, ebenfalls in einer Fußnote: "Da in den alten Sprachen (Griech., Hebr.) die Buchstaben auch als Zahlen verwendet wurden, hatte jedes Wort auch einen Zahlenwert. Welches Wort sich hinter der Zahl 666 verbirgt, ist, obwohl viel diskutiert, unbekannt."

Nur im Neuen Testament gilt die 666 als Zahl des Teufels (in der Offenbarung "das Tier" genannt), während sie im Alten Testament eine harmlosere Bedeutung hat (1.Kön.10,14; 2.Chr.9,13; Esra2,13).

Die "teuflische" Bedeutung im NT machen sich einige zunutze, indem sie den hebräischen Buchstaben für die Ziffer 6, das w (waw), dreimal hintereinander schreiben, 666 - www, und dies als Zeichen für das "Satanische" am Internet ansehen.

Hiervon glaube ich kein Wort.

Ist es schon seltsam genug, dass bei der Gleichsetzung von 666 mit dem Internet-www auf das hebräische Alphabet zurückgegriffen wird, obwohl die Johannes-Offenbarung griechisch geschrieben wurde, so werden dabei auch noch schwerwiegende Fehler gemacht:

1. Im alten Israel wurden bei aus mehreren Buchstaben gebildeten größeren Zahlen die Zahlenwerte der Einzelbuchstaben addiert: "www" ergäbe hiernach w+w+w bzw. 6+6+6=18 und nicht 666.

2. Wollte man die Zahl 666 korrekt ins Hebräische übersetzen, müßte man 600+60+6 schreiben und würde mit den Buchstaben m[em sofit] für 600, s[amech] für 60, w[aw] für 6 in lateinischer Umschrift msw statt www erhalten. (Eigentlich in umgekehrter Schreibrichtung wsm; s. hierzu Wikipedia über die Wiedergabe höherer hebräischer Zahlen durch Buchstaben.)

3. Die "Zahl des Tieres" erscheint im Originaltext der Johannes-Offenbarung nicht in Ziffern, sondern wird in Worten ausgeschrieben:
"..., ἀριθμὸς γὰρ ἀνθρώπου ἐστίν, καὶ ὁ ἀριθμὸς αὐτοῦ ἑξακόσιοι ἑξήκοντα ἕξ."
"…, denn es ist die Zahl eines Menschen, und seine Zahl ist sechshundertundsechsundsechzig."¹
Damit verliert die Zahlenspielerei mit 666 und www ihre Grundlage. Den Ziffernblock "666" gibt es nicht in der Offenbarung! Bei ihm wird das uns vertraute, in der griechisch-jüdischen Antike aber unbekannt gewesene Dezimalsystem verwendet. 666 ist eine zum Lesen bequeme, abkürzende Schreibweise für das biblische lange Zahlwort, die, wie man jetzt sieht, auch zum Missbrauch verleiten kann.
¹Lutherübersetzung von 1984. Die oben genannten zwei anderen Bibelübersetzungen sind in diesem Punkt, streng genommen, ungenau. Ausgeschrieben wird 666 auch in der Einheitsübersetzung.

4. In V.18 ist von eines Menschen Zahl die Rede. Abgesehen davon, dass nicht gesagt wird, wer damit gemeint ist: das Internet ist ein technisches System und kein Mensch. Darauf kann sich die Johannes-Offenbarung unmöglich beziehen.

Aus alledem folgt, dass die in dem Heft stehende Behauptung, man gerate durch die Benutzung des Internet und durch Eintippen von "www" unweigerlich in die Fänge des Teufels, falsch und großer Unsinn ist.

Interessant und nachdenkenswert dagegen – Heinrich Tischner, ev. Pfarrer i. R.: Der Computer und der liebe Gott

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