Christi Opfertod und der Gründonnerstag

Wie wohl alle anderen Religionen ist auch die christliche nicht in allen Einzelheiten leicht zugänglich. Es gibt in ihr genügend Geheimnisvolles, das allein mit dem Verstand nicht zu begreifen ist.

Trotzdem hänge ich an ihr, und es freut mich, daß es mir aus einem bestimmten Anlaß heraus vergönnt war, einen Teil der christlichen Botschaft noch besser zu verstehen als vorher.

Diesen Anlaß bildete der Gründonnerstag, genauer: eine von unserer evangelischen Gemeinde veranstaltete und sehr gut besuchte Nachtwache, die abends begann und am Karfreitagmorgen endete. Inhaltlich bezog sie sich auf die Berichte in der Bibel über den Aufenthalt Jesu im Garten von Gethsemaneh (Matth. 26,36-46; Mark. 14,32-42, Luk. 22,39-46) mit einigen seiner Jünger. Während Jesus in großer Einsamkeit und Verzweiflung etwas abseits für sich betete, schliefen sie, obwohl er sie mehrfach aufgefordert hatte, wach zu bleiben. Bei unserer Veranstaltung bestand die Möglichkeit, symbolisch das nachzuholen, was sie versäumten.

Zwischen Bibellesungen und Gebeten entstanden immer wieder lange Pausen der Stille, und so konnte man sich in die Bedeutung des Ostergeschehens vertiefen, wie es sonst mit dieser Intensität und Ausdauer nur selten geschieht. Dabei dachte ich unter anderem an folgendes:

Es gibt in der Bibel, angefangen mit dem Alten Testament, eine Entwicklung, die sich auf die Strafen Gottes für begangene Sünden bezieht. Und zwar nicht auf die Härte dieser Strafen, sondern auf deren Ausdehnung über die Menschheit.

Als Gott die Menschen geschaffen hatte und nach einer Weile ihres Fehlverhaltens überdrüssig wurde, vernichtete er sie durch die Sintflut allesamt bis auf wenige Ausnahmen: Noah und seine Angehörigen, die ihm wohlgefällig waren. Dieser Radikallösung folgte später, nachdem sich die übrig gebliebenen Menschen wieder vermehrt hatten, die Ausrottung nur noch einzelner Stämme und Städte; manchmal waren es auch nur bestimmte Personen, die dem tödlichen Zorn Gottes verfielen. Der Kreis wurde also immer enger.

Diese Entwicklung erreichte ihren Höhepunkt in Jesus Christus. Als Einzigen bestrafte Gott ihn mit dem Tode für Sünden, die er nicht begangen hatte1). Es waren die Sünden aller anderen Menschen. Ersatzweise für sie zahlte er das Lösegeld. Diejenigen, die das wissen und dankbar anerkennen, nennen deshalb Jesus ihren Erlöser.

Die Szene im Garten von Gethsemaneh und die nachfolgenden Ereignisse zeigen, wie sehr Jesus unter der Entscheidung Gottes litt. Er fügte sich ihr, freiwillig, handelte aus Gehorsam und Liebe .

Jesus lebte bis zu seinem qualvollen Ende als Mensch auf Erden, doch war er gleichzeitig als Sohn Gottes Eins mit ihm. Dabei nannte er sich bescheiden fast immer nur den "Menschensohn".

Zu seiner Göttlichkeit gehörte (denn Gott ist unsterblich), daß er zwei Tage nach der Kreuzigung wieder lebendig wurde und kurze Zeit später zum Vater in den Himmel auffuhr. Nach seiner Grablegung besuchte er das Totenreich, aus dem niemand mehr entkommt – ihm allein war es möglich. Deshalb heißt es auch, daß Jesus den Tod überwand2). Darüber hinaus versprach er allen, die an ihn glauben und sich bemühen, ihm zu folgen, Ewiges Leben nach dem irdischen Dasein. Zu einem bestimmten Zeitpunkt, den nur Gott kennt3), wird er wiederkommen, "zu richten die Lebendigen und die Toten" – so sprechen wir in unserem christlichen Glaubensbekenntnis.

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In den archaischen Zeiten, auf die sich das Alte Testament bezieht, wurden oftmals Kriege im Namen Gottes geführt. Dabei gab es meist kein Erbarmen: Frauen und Kinder wurden nicht geschont.4)

Jesus aber lehrte etwas ganz Anderes. Wir sollen nicht nur unseren Nächsten lieben "wie uns selbst", sondern sogar unsere Feinde. In der "Bergpredigt" heißt es dazu (Matth. 5):

"43Ihr habt gehört, daß gesagt ist: «Du sollst deinen Nächsten lieben» und deinen Feind hassen. 44Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, 45damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. 46Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? 47Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden?"

Der Gegner soll nicht mit Gewalt überwunden werden, sondern wir sollen versuchen, ihn durch Liebe und Freundlichkeit für uns zu gewinnen.

Wegen seines Gebotes der Nächsten- und Feindesliebe wie auch durch den Erlösungsgedanken wirkt auf mich der christliche Glaube überaus anziehend.5) Beides zusammen kommt in anderen Religionen, soweit ich weiß, nicht vor.

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Schlägt man in einem Bibellexikon nach, woher der Gründonnerstag seinen Namen hat, ist entweder gar keine Antwort zu finden, oder es gibt nur vage Vermutungen darüber. Im Gegensatz zum biblisch bezeugten Palmsonntag, an dem die Jerusalemer vor dem in die Stadt einziehenden Jesus Palmenzweige ausbreiteteten, um ihn zu ehren, passierte am darauf folgenden Donnerstag nichts dergleichen.6) Auch war bei einem Teil derjenigen, die ihm zugejubelt hatten, inzwischen ein Stimmungsumschwung eingetreten, der von den Jesus feindlich gesinnten Priestern geschürt wurde. Dies zeigte sich am Tag darauf, dem Karfreitag, besonders deutlich. Es waren im übrigen nicht alle oder die Juden, die den Tod Jesu forderten, wie es viele Jahrhunderte lang, sehr zu ihrem Nachteil von der Kirche behauptet wurde (Schimpfwort: "Christusmörder"), sondern eine kleine fanatisierte Minderheit, die sich im Burghof von Pontius Pilatus versammelt hatte und ihr "Kreuzige, kreuzige" schrie; hierauf wird erst in neuerer Zeit immer wieder, vor allem auch von christlicher Seite, hingewiesen.

In einem nicht-biblischen, etymologischen Wörterbuch (Wasserzieher: "Woher?") las ich sinngemäß: "Gründonnerstag" war im Mittelalter, etwa seit 1200, ein üblicher Name für den Tag, an dem aus der Kirche ausgestoßene, reuige Büßer öffentlich Absolution erhielten und so aus toten Gliedern der Gemeinde wieder lebendige, aus dürren Zweigen wieder grüne wurden.

Nachtrag: im Zusammenhang mit dem Ostergeschehen fragte ich mich, was eigentlich die jüdische Religion über Jesus lehrt. Darüber fand ich bei Wikipedia im Abschnitt "Rabbinische Tradition" zu meinem Schrecken dies:

"Nach dem verlorenen Aufstand der Juden gegen die römische Herrschaft, der mit der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 endete, gewannen die Pharisäer die Führungsrolle im Judentum. Im gegenseitigen Abgrenzungsprozess galt das noch stark von Judenchristen geprägte Christentum nun als unvereinbar mit dem Judentum und wurde auf dem Sanhedrin von Jamnia (um 95) ausgegrenzt. Zur Trennung kam es, als die urchristliche Mission sich an Nichtjuden richtete. Durch die Aufnahme von Christen ohne jüdischen Hintergrund (Heidenchristen) änderten sich die Mehrheitsverhältnisse. Die Auseinandersetzungen führten schließlich auch zu einem Antijudaismus der Heidenchristen.
Der seit etwa 200 entstandene babylonische Talmud nannte Jesus daraufhin meist nur 'jenen Mann', vermied also seinen Namen, beschrieb ihn als falschen Propheten und Verführer Israels, der Zauberei trieb, über die Weisen spottete und nur fünf Jünger hatte. Er sei am Vorabend des Pessach gehängt worden, nachdem sich trotz vierzigtägiger Suche kein Entlastungszeuge für ihn gefunden habe (Sanhedrin 43a; vgl. Mk 14,53–64 EU). Jesu Herkunft erklärt der Talmud mit einem Fehltritt Marias: Sie habe sich mit einem römischen Legionär eingelassen und das dabei entstandene Kind dem 'Heiligen Geist' zugeschrieben. Für die talmudischen Rabbiner war sie eine 'Hure'. Jesus sei durch seinen römischen Vater 'nicht nur ein Bastard, sondern der Sohn eines Nichtjuden'. Die im NT verkündete Abstammung von König David könne er daher nicht beanspruchen. Diese Idee war mitsamt dem Messias- und Sohn-Gottes-Anspruch Jesu bzw. des NT für die Talmudautoren reiner Betrug. Zudem stellten sie Jesus als promisk dar, der mit einer Prostituierten verkehrt habe und seiner Mutter nachgeraten sei. Dies beweise, dass er kein Prophet gewesen sei.[1]
Etwa im 8. Jahrhundert entstanden im Raum Italien die Toledot Jeschu, eine polemische jüdische Jesuserzählung, die talmudische und andere volkstümliche Legenden aufnimmt. Jesus erscheint hier als fehlgeleiteter Schüler der Rabbinen, dem nicht zuletzt seine Zauberkünste zum Verhängnis werden. Teilweise ist diese Geschichte mit einer Petruslegende verbunden, derzufolge Petrus als Papst eigentlich im Sinne der Rabbinen gewirkt habe und sie durch strikte Trennung vom Christentum vor Schlimmerem bewahrt habe."

(Anm.: die Fußnote [1] in diesem Text bezieht sich auf die genannte Wikipedia-Seite. Diese enthält Ausführliches über Jesus-Vorstellungen in weiteren Religionen sowie in der heutigen "christlichen" Theologie bei uns. Ein inzwischen vom Glauben an Jesus abgefallener Theologieprofessor schlägt, wenn auch aus anderer Motivation und nicht in allen Details, in dieselbe Kerbe wie der obige, von Wikipedia zitierte Anti-Jesus-Text. Siehe dazu hier.)

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1)Ergänzungen hierzu
2)Offenbarung 1,18: "Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes."
3)Markus 13,32: "Niemand weiß, wann das Ende kommen wird, weder die Engel noch der Sohn Gottes. Die genaue Stunde kennt nur der Vater..."
4)Josua 6,20f (Über die Einnahme Jerichos): "... Also gewannen sie die Stadt und verbannten alles, was in der Stadt war, mit der Schärfe des Schwerts: Mann und Weib, jung und alt ..." (Anm.: "verbannen" ist ein in der Luther-Übersezung oft gebrauchtes Wort für "vernichten".) - In Josua, Kap. 11 steht unter der Überschrift "Die Ausrottung vieler kaanitischer Stämme" in Vers 14: "Und allen Raub dieser Städte und das Vieh teilten die Kinder Israels unter sich; aber die Menschen schlugen sie mit der Schärfe des Schwerts, bis sie die vertilgten, und ließen nichts übrigbleiben, was Odem hatte."
5)Hierzu noch ein paar weitere Bemerkungen
6)Abends, im kleinen Kreis und von der Öffentlichkeit unbeachtet, nahmen der Heiland und seine Jünger ihre letzte gemeinsame Mahlzeit ein. Der Gründonnerstag gilt deshalb auch als der Tag der Einsetzung des Heiligen Abendmahls.

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