Gleichnisse sind bildhafte, märchenähnliche, meist kurze Geschichten, die auf bestimmte menschliche Verhaltensweisen aufmerksam machen, ohne sie direkt beim Namen zu nennen. Nicht selten sind sie kunstvoll strukturiert mit Steigerung und Pointe. Sie besitzen eine "Moral", vermitteln neue Einsichten und fordern, wenn sie in der Bibel stehen, oft zur Umkehr auf. Manche Gleichnisse bestehen nur aus einem Satz oder wenigen Sätzen, verwenden für Geistliches ein sprachliches Bild aus dem Alltag.

Im Alten Testament gibt es neunundzwanzig Gleichnisse, und im Neuen sind es vierzig plus sieben Parabeln.[1][2]

Vielleicht ist die Bibel selbst ein großes Gleichnis.

Ein in ihr öfter wiederkehrendes Motiv ist der Weinberg. Dazu finden wir bei Jesaja im 5. Kapitel dieses Gleichnis:

1 Hört! Ich will ein Lied singen, ein Lied von meinem besten Freund und seinem Weinberg: "Auf einem Hügel, sonnig und fruchtbar, lag das Grundstück meines Freundes. Dort wollte er einen Weinberg anlegen. 2 Er grub den Boden um und räumte alle großen Steine fort. Die beste Rebensorte pflanzte er hinein. Er baute einen Wachturm mittendrin und meißelte einen Keltertrog aus dem Felsen. Wie freute er sich auf die erste Ernte, auf saftige und süße Trauben! Doch die Trauben waren klein und sauer! 3 Urteilt selbst, ihr Leute von Jerusalem und Juda: 4 Habe ich für meinen Weinberg nicht alles getan? Konnte ich nicht mit Recht eine reiche Ernte erwarten? Warum brachte er nur kleine, saure Trauben? 5 Wisst ihr, was ich jetzt mit meinem Weinberg mache? Zaun und Schutzmauer reiße ich weg! Tiere sollen kommen und ihn kahl fressen, Ziegen und Schafe, sie sollen ihn zertrampeln! 6 Nie mehr werde ich die Reben beschneiden, nie mehr den harten Boden mit der Hacke lockern; Dornen und Disteln sollen ungehindert wuchern. Ich verbiete den Wolken, ihm Regen zu bringen. Soll der Weinberg doch vertrocknen!"
7 Dies ist eure Geschichte, ihr Israeliten. Ihr seid der Weinberg, und euer Besitzer ist der Herr, der allmächtige Gott. Ihr aus Israel und Juda, ihr seid die Pflanzung, auf deren Erträge er sich freute. Er wollte von euch gute Taten sehen, doch er sah nur Bluttaten; ihr habt nicht Recht gesprochen, sondern es gebrochen!
8 Wehe denen, die sich ein Haus nach dem anderen bauen und ein Grundstück nach dem anderen kaufen, bis keines mehr übrig ist! Sie finden erst Ruhe, wenn das ganze Land ihnen gehört. 9 Ich habe die Worte des Herrn, des allmächtigen Gottes, noch im Ohr. Er schwor: "Die großen und schönen Häuser werden verwüstet daliegen, und niemand wird mehr darin wohnen. 10 Ein Weinberg von über zwei Hektar bringt dann nur ein kleines Fass Wein ein, und von drei Zentnern Saatgut wird man höchstens ein Säckchen Getreide ernten. 11 Wehe denen, die schon früh am Morgen losziehen, um sich zu betrinken. Bis spät in die Nacht bleiben sie sitzen und lassen sich mit Wein voll laufen. 12 Gitarren und Harfen, Pauken und Flöten und natürlich der Wein fehlen bei ihren Gelagen nie! Doch für mich, den Herrn, haben sie keinen Gedanken übrig; was ich in der Welt tue, nehmen sie nicht wahr. 13 Weil sie das nicht einsehen wollen, wird mein Volk in die Verbannung verschleppt werden. . . .

Drei weitere Gleichnisse im Neuen Testament, die auch den Weinberg zum Thema haben, stehen hier:

Bei Matthäus Kap. 21, V. 28-32 ("Ein Mann hatte zwei Söhne…"), dessen Auslegung nicht ganz einfach ist, weshalb ich hier darauf verzichte, und bei Matthäus Kap. 21, V. 33-44, wo die Arbeiter des Besitzers, die die Ernte einbringen sollen, der Reihe nach umgebracht werden. Dieses Gleichnis läßt sich leichter deuten und verstehen, doch soll es hier ebenfalls nicht weiter ausgeführt werden.

Am eindrucksvollsten ist für mich das Weinberg-Gleichnis im 20. Kapitel des Matthäus-Evangeliums:

1 Mit der neuen Welt Gottes ist es wie mit einem Weinbauern, der frühmorgens Arbeiter für seinen Weinberg anwarb. 2 Er einigte sich mit ihnen auf den üblichen Tageslohn und ließ sie in seinem Weinberg arbeiten. 3 Ein paar Stunden später ging er noch einmal über den Marktplatz und sah dort Leute herumstehen, die arbeitslos waren. 4 Auch diese schickte er in seinen Weinberg und versprach ihnen einen angemessenen Lohn. 5 Zur Mittagszeit und gegen drei Uhr nachmittags stellte er noch mehr Arbeiter ein. 6 Als er um fünf Uhr in die Stadt kam, sah er wieder ein paar Leute untätig herumstehen. Er fragte sie: 'Warum habt ihr heute nicht gearbeitet?' 7 'Uns wollte niemand haben', antworteten sie. 'Geht doch und helft auch noch in meinem Weinberg mit!', forderte er sie auf. 8 Am Abend beauftragte er seinen Verwalter: 'Ruf die Leute zusammen, und zahl ihnen den Lohn aus! Fang beim Letzten an, und hör beim Ersten auf!' 9 Zuerst kamen also die zuletzt Eingestellten, und jeder von ihnen bekam den vollen Tageslohn. 10 Jetzt meinten die anderen Arbeiter, sie würden mehr bekommen. Aber sie erhielten alle nur den vereinbarten Tageslohn. 11 Da beschwerten sie sich beim Weinbauern: 12 'Diese Leute haben nur eine Stunde gearbeitet, und du zahlst ihnen dasselbe wie uns. Dabei haben wir uns den ganzen Tag in der brennenden Sonne abgerackert!' 13 'Mein Freund', entgegnete der Weinbauer einem von ihnen, 'dir geschieht doch kein Unrecht! Haben wir uns nicht auf diesen Betrag geeinigt? 14 Nimm dein Geld und geh! Ich will den anderen genauso viel zahlen wie dir. 15 Schließlich darf ich doch wohl mit meinem Geld machen, was ich will! Oder ärgerst du dich, weil ich großzügig bin?' 16 Ebenso werden die Letzten einmal die Ersten sein, und die Ersten die Letzten.

Auf den ersten Blick kann man den Unwillen derer, die den ganzen Tag geschuftet hatten, verstehen; doch ist er berechtigt? Bei genauerem Hinsehen stellt man fest: nein, denn zum einen bekamen sie den vorher verabredeten Lohn und wurden dadurch, daß die anderen dasselbe erhielten wie sie, nicht geschädigt.

Zum anderen richtete sich der Weinbauer zwar nicht nach dem Grundsatz "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit"; dafür aber überbot er ihn für die zuletzt Gekommenen, wie es in V. 15 heißt, großzügig.

Er wußte, daß der an alle ausgezahlte Lohn - in anderen als der hier wiedergegebenen Bibelübersetzung von "Hoffnung für alle" wird er "Denar" genannt - gerade den Tagesbedarf einer Familie deckte. Hätten diejenigen, die fast den ganzen Tag vergeblich auf Arbeit warteten und erst in der letzten Stunde eingestellt wurden, nur einen entsprechend kleinen Teil eines Denars bekommen, hätten sie abends kaum zu essen gehabt und wären praktisch leer ausgegangen. Das vermied der aufmerksame, menschenfreundliche Weinbauer, von dem nach der Überlieferung des Evangelisten Jesus erzählte.

(Jesus selbst handelte bei einer anderen Gelegenheit ebenfalls nicht schematisch-formal nach bestehender Gewohnheit, und zwar im Falle einer zum Tod durch Steinigung verurteilten Ehebrecherin. Weil er hoffte, sie werde in Zukunft ihren Lebenswandel ändern, setzte er sich über die auf Mose zurückgehende Strafbestimmung hinweg. Mit dem berühmt gewordenen Wort: "Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein" bewirkte er, daß die Umstehenden, zum Töten bereit, darauf verzichteten und sich, einer nach dem anderen, still entfernten, ohne der Frau ein Leid anzutun.)

In einigen Bibelübersetzungen des Weinberg-Gleichnisses bei Matthäus heißt es in V. 15 statt "Oder ärgerst du dich, ... ?" noch etwas deutlicher: "Oder bist du neidisch ... ?"

Nach kirchlicher Auffassung ist Neid nicht nur eine schwere Sünde, sondern er wirkt sich auch auf den, der ihn empfindet, ungünstig aus. Neid ist sinnlos. Er führt nicht zu einer Änderung bestehender, unerfreulicher Verhältnisse. Neid erzeugt innere Unzufriedenheit und Ärger, untergräbt, wenn er länger andauert, die Gesundheit. Nicht umsonst sagt man, jemand werde von ihm "zerfressen". Wohl dem, der nicht neidisch ist!

Vers 16 legt nahe, wofür dieses Gleichnis steht: bei ihm bedeutet der Weinberg, im Gegensatz zu dem vorher zitierten, nicht eine Volksmenge, sondern das Reich Gottes. Auch hier ist er der Weinbergbesitzer; die Arbeiter sind diejenigen, die an ihn glauben. Gott sieht nicht auf Leistung ("gute Werke"), mißt die Menschen nicht danach. Wenn die "Letzten", d. h. die erst spät zum Glauben Gekommenen, als erste in Gottes himmlisches Reich aufgenommen werden, so erleiden diejenigen, die schon länger an ihn glauben und ihm dienen, dadurch keinen Nachteil. Sie werden ebenso "Gott schauen" und bei ihm sein; in welcher zeitlichen Reihenfolge, ist dabei, angesichts der Ewigkeit, nicht von Bedeutung.

[1] http://92366.homepagemodules.de/t499f26-Gleichnisse-im-Alten-Testament.html
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Gleichnisse_Jesu

Ergänzung: Eines meiner Lieblingsgleichnisse Jesu steht bei Matth. 15, 21-28 vom unerschütterlichen Glauben einer nichtjüdischen Frau. Näheres s. dort.

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