Über Fragen und Antworten
in Naturwissenschaft und Religion – und Weiteres

Von Naturwissenschaftlern, zum denen ich selber gehöre, wird des öfteren behauptet, daß Naturwissenschaft und Religion nichts miteinander zu tun hätten.[1] Dem soll im folgenden widersprochen werden.

Naturwissenschaft und Religion sind Äußerungen, Aktivitäten des menschlichen Geistes. Bei beiden werden Fragen gestellt und wird nach Antworten gesucht. Das bereits verbindet sie miteinander.

Die Fragerei beginnt oft schon im Kindesalter, denn Kinder fragen sehr gerne "Warum?". Manche machen daraus ein regelrechtes Spiel, meist mit den Eltern, und bringen sie dadurch nicht selten in Verlegenheit. Kinder und Erwachsene fragen zum Beispiel: "Warum sieht der Mond mal wie eine runde Scheibe aus und mal wie eine schmale Sichel?" "Warum gibt es Sommer und Winter, warum den Regenbogen, warum Ebbe und Flut?" "Warum ist bei klarem Wetter der Himmel blau und nicht gelb wie ein blühendes Rapsfeld oder grün?" Der Möglichkeiten, so zu fragen, gibt es viele. Zu den Warum-Fragen kommen solche, die mit "Was?" beginnen ("Was ist das eigentlich, das wir hier sehen oder vor uns haben?"), und andere mit "Wie?" und "Wann?". Seltener wird nach dem Wozu gefragt, wobei zwischen ihm und dem Warum ein Unterschied besteht, der den meisten jedoch nicht auffällt.

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Beim Glauben kommen zu den Fragen mit Warum, Wie, Wann usw. manche hinzu, die mit "Wer?" anfangen und in den Naturwissenschaften gewöhnlich fehlen: "Wer hat die Welt und uns Menschen gemacht? Wer gab uns Verstand, ein Gewissen, Hoffnungen für die Zeit nach dem Tod?" Oder Fragen, die mit "Wem?" beginnen: "Wem gegenüber sind wir außer uns selbst verantwortlich, wem dankbar?" Gerade bei der letzten Frage kann man beobachten: Menschen, denen es nach einer schlechten Phase im Leben, zum Beispiel nach einer schweren Krankheit, wieder gut geht, sagen oft: "Ich bin ja so dankbar, ..." – aber wem sind sie es? Gott? Dem "Schicksal"? Und was wäre das?

Die Fragen der Naturwissenschaft lassen sich oft klar und zutreffend beantworten, aber nicht immer. Unklar, ja geradezu geheimnisvoll sind die neuerdings vermutete Dunkle Energie und Materie.[2] Eher klassisch ist zum Beispiel die Frage, warum Magnete, denen wir zu Hause an Möbeln und im Büro zum Befestigen von Zetteln an einer Eisenfläche begegnen, nicht im Laufe der Zeit ihre Kraft verlieren. Von einem mehr philosophischen Standpunkt aus wird des öfteren darüber nachgedacht, ob es überhaupt sinnvoll ist, Warum-Fragen zu stellen, oder ob man es lieber bei den Fragen nach dem Wie belassen sollte. (Die Zeiten ändern sich hier: vor Jahrzehnten, während meiner Ausbildung zum Physiklehrer, wurde von Fachdidaktikern kategorisch behauptet, daß Warum-Fragen in der Physik unzulässig seien. Heute ist man dabei offener, flexibler.[3] [4])

Auch bei bestimmten physikalischen Fragen mit Wie und Was kommt man nicht zu endgültigen, befriedigenden Ergebnisen: Wie kam es zu dem vermuteten "Urknall", durch den das Universum entstanden sein soll? Wie war es möglich, daß sich alles, was es zur Zeit gibt und was inzwischen wieder verging, in einem winzigen, als "punktförmig" angenommenen Energie-Materie-Objekt konzentrierte? Und: Wer gab den "Startschuß", was war davor? Hier berühren sich Wissenschaft und Religion ein weiteres Mal.
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Für vieles machen sich die naturwissenschaftlichen Forscher, wie sie sagen, gedankliche Modelle1. Dies tun sie insbesondere dann, wenn die Gegenstände, mit denen sie sich befassen, sehr klein, für das Auge unsichtbar sind wie bei den Atomen und deren Innerem, oder riesig groß und zugleich sehr weit weg, so daß wir sie niemals direkt untersuchen können. Damit sind fremde Welten, die uns als funkelnde Sterne erscheinen, gemeint, Galaxien ("Milchstraßen"), seltsame Pulsare und "Schwarze Löcher", um nur einiges zu nennen.

Ganz ähnlich ist es mit dem Glauben.

Selbst wenn wir davon überzeugt sind, daß Gott existiert – und dafür gibt es gute Gründe: wir sehen Sein Wirken in der Natur, spüren Ihn und Seinen göttlichen Geist in uns – , so können wir Ihn doch nicht wirklich erkennen. Auch von Ihm machen wir uns ein "Modell", wie es die Wissenschaftler tun, obwohl es in der Religion und Theologie nicht so genannt wird. Wir personalisieren Gott, wobei die alberne Vorstellung eines alten Mannes mit Rauschebart für die meisten Gläubigen nicht in Frage kommt. Gott "sprach" nach der Bibel aus einem brennenden Dornbusch zu Mose. Auf der Flucht aus Ägypten schritt Er den Israeliten als "Feuersäule" voran. Gott redete, ohne daß sie Ihn sahen, mit einzelnen Menschen und gab ihnen Aufträge oder sandte Seine Engel zu ihnen. (Das griechische Wort angelos für diese himmlischen Wesen bedeutet Bote.) Er, der Allmächtige, so glauben Christen, überbrückte die zwischen Ihm und uns bestehende, gedanklich-vorstellungsmäßige Kluft, indem Er sich durch Jesus Christus in menschlicher Gestalt "offenbarte". Dabei sprach Christus Gott als "Vater" an, und es gibt eine Szene in der Bibel, wo Gott über Jesus sagt: "Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe".

Gott als Schöpfer und Richter, Jesus als Herr (wie Gott), als Heiland – und Freund. Dies hörte ich in einer Predigt. Besonders das letzte machte einen tiefen Eindruck auf mich, und dankbar denke ich daran zurück.
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Der Glaube unterscheidet sich nach meiner Überzeugung in seiner geistigen Grundlage und Methodik (im Hinblick auf die Verwendung gedanklicher Bilder) sowie beim Gewinnen von Erkenntnis nicht wesentlich von der Naturwissenschaft. Bei beiden bleibt Unerklärliches übrig. Beide sind auf verschiedenen Gebieten wertvoll aktiv. Während sich die Physik, um für den Moment noch bei ihr zu bleiben, der "toten" Materie widmet, wendet sich die Religion dem Menschen zu. Hier spielt Seelisches, auch Moralisch-Ethisches die Hauptrolle. Wann genau Materielles entstand, und wie es funktioniert, stößt in der Religion nur auf geringes Interesse; das gehört in den Bereich der Wissenschaft. Was sie im Laufe der Jahrtausende leistete (wenn man bis in die Antike zurückdenkt; hinzuzunehmen sind aus neuerer Zeit zumindest die Chemie, Biologie und Medizin), und was sie immer noch leistet, ist bewundernswert.2 Ohne ihre Erkenntnisse und deren technische Umsetzung könnten wir Heutigen nicht oder nur sehr eingeschränkt leben. Ich liebe auch, dies sei hier eingeflochten, die Mathematik und bewundere sie ebenfalls. Naturwissenschaft und Mathematik (als Geisteswissenschaft, was oft übersehen wird) sind wie die Musik und die übrigen Künste Geschenke, die uns Gott gegeben hat – das glaube ich! Auch die Fähigkeit zu sprechen, zu denken, Ideen zu entwickeln, zu glauben und zu lieben – sie kommt von Ihm!

Beschrieben wird Gottes Wirken in der Bibel, oder wie wir sagen, der Heiligen Schrift. Ich halte es für einen schweren gedanklichen und verbalen Fehler, sie als "Märchenbuch" und Schlimmeres zu bezeichnen, wie es, zum Nachteil der Betreffenden selbst, von atheistischer Seite gerne getan wird. Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches und auch kein geschichtliches Lehrbuch. Sie enthält in geringem Maße (Atheisten sehen das anders und behaupten das Gegenteil) Widersprüchliches, von Menschen stammende Übertreibungen und Ausschmückungen sowie falsch Verstandenes und Überliefertes. Manches in der Bibel entspricht veraltetem Wissensstand und ist kulturell überholt. Aber ihr Kern: der Gedanke der Schöpfung durch Gott, Seine Verkündung von Regeln und Pflichten, die gut und nutzbringend für das Zusammenleben der Menschen sind, die Vorstellung göttlichen Gerichts und die Verheißung von Gnade und Vergebung bei entsprechender Verhaltensänderung – dies alles sind starke Impulse, die von ihr ausgehen. Man darf sie nicht mißachten und herabsetzen.

Die Heilige Schrift beschreibt das Auf und Ab von Nationen, vornehmlich des Volkes Israel, und von Einzelpersonen, das Aufblühen des Glaubens und seinen zeitweisen Niedergang mit anschließender Regenerierung und Weiterentwicklung. Sie umfaßt einen Zeitraum von mehreren tausend Jahren. Manches von dem, was damals gültig und üblich war, ist (für uns Christen) nicht mehr aktuell. Dazu gehören der Opferkult, bestimmte Reinheits- und Kleidervorschriften sowie die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Vieles aber ist geblieben. Für Menschen, die wegen ihres Glaubens unterdrückt, verfolgt, ja getötet werden, was leider bis heute geschieht, besteht die Hoffnung auf ein Weiterleben in Gottes Himmlischem Reich. Dort gibt es, nach biblischer Prophezeiung, keine Verfolgung, keine Ausbeutung und Unterdrückung mehr, weder Hunger noch Naturkatastrophen und keinen Schmerz. "Alle Tränen werden getrocknet". Auch diejenigen, die nicht verfolgt werden, wie wir selber in unserem eigenen Land, können aus der Bibel Gutes lernen: daß sie Mut fassen in schwierigen, scheinbar auswegslosen Situationen, indem sie auf Gott vertrauen. Mit uns selbst sollen wir, geistig wie körperlich, sorgsam umgehen, um nicht in unheilbares Unglück zu geraten. Nicht nur auf die Umwelt, die in aller Munde ist, kommt es an.

Die Bibel, vor allem Jesus in ihr, fordert uns auf, Nachsicht gegenüber Mitmenschen zu üben, wenn sie uns stören oder uns und andere schädigen, und für sie zu beten. Unsere Feinde, wenn es sie gibt, sollen wir lieben. Es bedeutet nicht, daß wir ihnen um den Hals fallen, sondern daß wir ihnen Gutes wünschen, Umkehr und Frieden für ihre zum Teil haß- und neiderfüllten Seelen. Wir sollen anderen Menschen, die in Not sind, helfen und großzügig zu ihnen sein.

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Die Heilige Schrift ist nicht immer leicht zu verstehen. Manches wird sehr kurz und konzentriert dargestellt, anderes eher weitschweifig, so daß man beim Lesen ermüden oder den Faden verlieren kann. So ist es gut und nützlich, erklärende Bücher zur Hand zu nehmen – es gibt davon nicht allzu viele – , die geschichtlichen, kulturellen, geographischen, auch sprachlichen und personenbezogenen Details angemessen Raum geben. Sie enthalten viel Interessantes und Lehrreiches.[5] Um etwas zu glauben, muß man erst einmal kennen lernen, worum es sich dabei handelt.

Ausgelegt wird die Bibel auch in den Predigten der Gottesdienste. Damit habe ich großes Glück in meiner örtlichen evangelischen Gemeinde, deren Pastor es exzellent versteht, den Glauben zu verkündigen, zu festigen und wachsen zu lassen.

Kaum ein gläubiger Mensch wird gänzlich frei von Zweifeln sein. Selber gehöre ich nach dem Vorstehenden zu denen, die nicht "hundertprozentig" glauben, aber doch das Allermeiste: an Gottes Schöpfung, das Wunder mit Maria und Jesus, an Jesu Opfertod und Seine Auferstehung. Die Zehn Gebote, die Bergpredigt und das Vater Unser sind mir Richtschnur, Ansporn und Verpflichtung. Sie sind mir heilig. Das apostolische Glaubensbekenntnis, nicht in der Bibel enthalten, faßt das, was ich glaube, zusammen.
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1Anmerkung: manche Modelle werden, weil sie sich als nicht genügend genau herausstellen, verfeinert (und dadurch komplizierter) oder ganz verworfen und durch neue ersetzt. Zusätzlich zu den Modellen werden allgemeine, zwar naheliegende, aber nicht beweisbare Annahmen gemacht, z. B. die, daß bestimmte, in irdischen Laboratorien gemessene physikalische Konstanten überall im gesamten Universum und zu allen Zeiten denselben Wert haben. Eine andere Annahme ist, daß es vor einem bestimmten Zeitpunkt, von heute an gerechnet, nichts gab: keinen Raum und nicht einmal die Zeit. Dabei ist unklar, was der Begriff "Zeit" überhaupt bedeutet. Für ihn gibt es mehrere Definitionsversuche. Sie gehen zum Teil ins Philosophische oder hängen mit der Meßbarkeit der Zeit zusammen, ohne daß dabei ihr Wesen erklärt wird.[6] [7]
2 Es gab auch berühmte Naturwissenschaftler, die auf ihrem Gebiet Großes leisteten und gläubig waren, unter ihnen Kepler, Newton, Pascal, Planck und Heisenberg, um nur einige zu nennen. Einstein gehörte, so findet man im Internet, nicht dazu.

[1] http://www.scilogs.de/~naturwissenschaft-und-religion/ (Lang. Man beachte die Schlußzeile mit"wohl".)
[2] http://www.deutschlandfunk.de/astronomie-dunkle-energie-ueberall-und-nirgends~
[3] http://matheplanet.com/matheplanet/nuke/html/viewtopic.php?~, speziell Beitrag No. 7
[4] http://www.mpe.mpg.de/~bernhardt/fragen.pdf
[5] z. B. Studienbuch Altes und Neues Testament, SCM R.Brockhaus ISBN 978-3-417-26476-0
Lexikon zur Bibel, SCM R.Brockhaus, ISBN 978-3-417-26550-7
[6] http://pauli.uni-muenster.de/~munsteg/10Zeit.pdf
[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Zeit

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