Gedanken über das Blut in der Bibel und Weiteres

Blut ist unser "Lebenssaft". Verlieren wir durch Verletzungen oder Gewaltanwendung, bei Unfällen oder im Krieg zuviel davon, müssen wir sterben. Und weil das Blut für uns so wichtig ist, spielt es in der Bibel an verschiedenen Stellen eine große Rolle. Sie im einzelnen aufzuzählen, würde mich zu sehr von dem ablenken, worauf ich hier hinauswill.

Nicht nur wir Menschen brauchen zum Leben Blut, sondern auch viele Tiere, darunter diejenigen, die der Mensch züchtet, die er für sich arbeiten läßt und die er ißt. Weil diese Tiere ihm wertvoll sind, bedeutet es für ihn eine Überwindung, ein Entbehren ihres Nutzens, wenn er sie Gott opfert. Werden sie nicht ertränkt, eingegraben oder lebendig verbrannt, was nur selten geschieht, sondern geschlachtet, fließt dabei Blut.

Das Opfer wird nicht immer selbstlos gegeben. In der Regel möchte man etwas dafür haben, zum Beispiel Gottes Vergebung für eigenes Fehlverhalten, in der Bibel "Sünde" genannt. Gott soll durch das blutige Opfer besänftigt und gnädig gestimmt werden.

"Ohne Blut keine Vergebung" heißt es im Hebräerbrief1), dessen Verfasser und Adressaten unbekannt geblieben sind. Der Satz steht in Verbindung mit dem Alten Testament (3Mos17,11) und wird nicht weiter begründet. Er wird so behandelt, als sei er etwas ganz Selbstverständliches und Normales.

Das ist er in meinen Augen nicht. Daß ein unschuldiges Tier (es kann nicht sündigen!) sein Leben lassen muß, damit mir verziehen wird, erscheint mir weder logisch-zwingend noch gerecht.

In einer Auslegung der Geschichte von Kain und Abel im Internet2) ist unter der Überschrift "Das Opfer Kains" folgendes zu lesen:

" Kain opferte dem HERRN von der Frucht einer verfluchten Erde, und zwar ohne Blut, das den Fluch hätte beseitigen können. Er brachte ein unblutiges Opfer dar, weil er keinen Glauben hatte. Hätte er Glauben gehabt, so hätte er schon in jener frühen Zeit gelernt, dass 'ohne Blutvergießung gibt es keine Vergebung' ist (Heb 9,22). Das ist eine große Grundwahrheit. ... Kain war ein Sünder, und deshalb stand der Tod zwischen ihm und dem HERRN. Aber sein Opfer zeigte nicht die geringste Anerkennung dieser Tatsache, keine Darbringung eines geopferten Lebens, um den Ansprüchen der Heiligkeit Gottes zu begegnen oder seinem eigenen Zustand als Sünder zu entsprechen. Er behandelte den HERRN wie jemand seinesgleichen, der die sündbefleckte Frucht einer verfluchten Erde annehmen konnte. Er verriet völlige Unwissenheit hinsichtlich der Forderungen Gottes, und er kannte auch nicht seinen eigenen Charakter und seine Stellung als verlorener und schuldiger Sünder und den wahren Zustand der Erde, deren Frucht zu opfern er sich anmaßte. Wohl könnte die Vernunft fragen: 'Was für ein annehmbareres Opfer könnte ein Mensch darbringen als das, was er durch die Arbeit seiner Hände im Schweiß seines Angesichts errungen hat?' Aber Gott denkt ganz anders, und der Glaube befindet sich stets in Übereinstimmung mit den Gedanken Gottes. Gott lehrt, und der Glaube erfasst es, dass ein geopfertes Leben erforderlich ist. Anders ist es unmöglich, Gott zu nahen."

Damit soll verständlich gemacht werden, warum Gott Kains Opfer nicht annehmen konnte, was diesen dazu veranlaßte, seinen Bruder zu ermorden.

Abgesehen davon, daß wir als Menschen nicht wissen können, was Gott "denkt", ist die Argumentation in dem zitierten Abschnitt reichlich unfair: Kain wußte ja nicht, daß von ihm ein Blutopfer verlangt wurde – wer sollte es ihm gesagt haben? Anders war es bei seinen Eltern Adam und Eva: sie wurden von Gott gewarnt.

Der archaische Blutkult, den ich als abstoßend empfinde, legt die Frage nahe: "Will Gott Blut?" Sie wird anscheinend in der Bibel nicht gestellt, und wenn dies heute manchmal der Fall ist, nach meinem Eindruck nicht ausreichend beantwortet.

Nicht nur im alten Israel gehörte der Satz "Ohne Blut keine Vergebung" zum religiösen Fundament; auch als Jesus sich als Mensch zeigte, war er noch wirksam. Nur, daß der Sohn Gottes kein Tier opferte, sondern sein eigenes Leben. Das war ein großer Unterschied zum üblichen Vorgehen!

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Während die Römer die zum Tode Verurteilten kreuzigten, bevorzugten die Juden die Steinigung. (In manchen islamischen Ländern gibt es sie immer noch.) Als ersten aus der christlichen Urgemeinde in Jerusalem brachten sie den später heilig gesprochenen Stephanus auf diese Weise um. Der Apostel Paulus, ursprünglich ein scharfer, gefürchteter Gegner der neuen Lehre, war bei seiner Hinrichtung anwesend und stimmte ihr zu.3)
Die Ermordung des Stephanus war der Auftakt vieler Christenverfolgungen, die bis heute anhalten.4)

Bei sich zu Hause warfen die Römer Christen wilden Tieren vor, und als am Ende der dortigen Verfolgungen das Christentum zur Staatsreligion wurde, wendete sich das Blatt in die entgegengesetzte Richtung. Die Kirche verfolgte jetzt selber Andersgläubige. In fremde Länder brachte sie das Evangelium zum Teil mit Feuer und Schwert.

Das Feuer spielte eine große Rolle bei einer weiteren, unblutigen Hinrichtungsart, die im Mittelalter aufkam und das Renommee der Kirche bis in unsere Zeit belastet: bei ihr wurde eine unübersehbare Anzahl von Menschen lebendig verbrannt.5)

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Daß jemand sich selbst verbrennt, um damit auf etwas Bestimmtes hinzuweisen und ein Zeichen aufzurichten, ähnlich wie es Jesus durch seinen freiwilligen Opfertod tat, ist dagegen in der Geschichte selten. Aus dem 20. Jahrhundert sind mir zwei Beispiele bekannt: der tschechische Student Jan Palach und der deutsche evangelische Pastor Oskar Brüsewitz. Palach protestierte mit seinem öffentlichen Freitod gegen den Einmarsch der Truppen des damaligen Warschauer Paktes in sein Heimatland im Jahre 1968, an dem auch die "Nationale Volksarmee" der "DDR" beteiligt war. (Dreißig Jahre vorher war es Hitlers Wehrmacht, die das Land überfiel.) An Jan Palach erinnert ein Platz in Prag:

und hier eine Gedenkstätte am Wenzelsplatz,
,
wo sich Palach und einen Monat später Jan Zajíc aus demselben Anlass verbrannten. Auch in Luxemburg gibt es einen Platz, der an Jan Palach erinnert, mit einer Gedenktafel.

Pfarrer Brüsewitz hatte ein religiöses Motiv. 1976 verbrannte er sich vor der Michaeliskirche im sächsischen Zeitz aus Protest gegen das SED-Regime, das die Ausbreitung des Glaubens an Jesus Christus massiv behinderte. Sein Opfertod wurde dort zunächst geheimgehalten; dann, als das wegen westlicher Nachrichten- und Fernsehinformationen nicht länger möglich war, wurde behauptet, der Verstorbene sei geistig nicht ganz zurechnungsfähig ("verrückt") gewesen. Er wurde beleidigt und verleumdet. Das Echo seiner Kirche im Westen war verhalten und ängstlich.

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Da ich mich mit dem Letzten ziemlich weit vom Anfang dieser Seite entfernt habe, kehre ich inhaltlich noch einmal zu ihm bzw. in seine Nähe zurück und stelle fest: Bei den Christen gab und gibt es keine Tieropfer, weil Jesus für alle, die an ihn glauben, gestorben ist und sein Blut für sie vergossen hat. Andererseits opferten sie, die Christen, nachdem sie sich stabilisiert hatten, über einen langen Zeitraum Menschen. Sie nannten es nicht so, aber es lief darauf hinaus. Besonders die spanischen Autodafés (portugiesisches Wort nach lateinisch actus fidei, Glaubensakt) mit ihren "Ketzer"verbrennungen waren begleitet von pseudo-religiösem Pomp: das Kreuz wurde vorangetragen, Priester und hohe kirchliche Würdenträger leiteten das Ganze unter Glockengeläut; bei den Zuschauern herrschte Volksfeststimmung. - "Zur höheren Ehre Gottes " (ad maiorem Dei gloriam) überfielen Ritter, deren Zeichen das Kreuz war, fremde Länder, kolonisierten christliche Eroberer (Konquistadoren) andere Völker, tauften sie mit Gewalt und fügten ihnen unsägliches Leid zu.

Diese Zeit ist glücklicherweise vorbei, aber die Erinnerung blieb vielfach, und die Folgen sind mancherorts bis heute spürbar.

Um neues Vertrauen zu gewinnen, sind Mut und Geduld erforderlich. Man findet sie zum Beispiel bei Missionaren und ehrenamtlichen Helfern in fremden, unterentwickelten Ländern, in denen große Armut herrscht. Sie respektieren Kultur und Eigenart derjenigen, denen sie Gottes Wort predigen, leben ohne Überheblichkeit und irgendwelchen Zwang friedlich mit ihnen zusammen, entbehrungsreich, von Krankheiten und Gefahren bedroht wie sie. Zwei solcher, noch sehr junger missionarisch tätiger Menschen lernte ich bei einer Informationsveranstaltung kennen, auf der sie über ihre Erfahrungen berichteten: eine Frau in Äthiopien und ein Mann bei den Indianern in Südamerika. Beide bewundere ich. Jesus und der Heilige Geist (von dem die meisten unter uns nicht wissen, wer und was er ist) sind mit ihnen.

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1) Kapitel 9, Vers 22
2) http://www.bibelkommentare.de/index.php?page~id=2628
3) Apostelgeschichte 7,56; 8,1
4) Eine weltweite Übersicht dazu bei Wikipedia
5) Wer davon betroffen war und was sich dabei an Unchristlichem abspielte, findet man z. B. hier. Einer der größten deutschen Dichter, Friedrich Schiller, der zugleich Geschichtsprofessor war, wird dazu hier zitiert. Allein in den Niederlanden, so heißt es in der Wikipedia-Besprechung seines Dramas Don Karlos, fielen 50000 Menschen der spanischen Inquisition zum Opfer.

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