In seinem Buch Der Bibelcode behauptet Michael Drosnin sinngemäß Folgendes:

 

Wenn man die in die Hunderttausende gehenden hebräischen Buchstaben des Alten Testaments ohne Zwischenräume aneinanderfügt und bestimmte Stellen des so entstandenen, kompakten Textes waagerecht, senkrecht, diagonal, vorwärts und rückwärts, auch unter Auslassung einzelner Buchstaben liest, ergeben sich Namen berühmter Persönlichkeiten aus Geschichte und Gegenwart, entstehen Wörter, die auf politisch motivierte Morde, auf Kriege, Katastrophen und manches andere in der Vergangenheit und der Zukunft hinweisen. Die Bibel enthalte auf diese Weise geheimnisvolle, verschlüsselte Nachrichten, die es zu entschlüsseln gelte, wozu die modernen Computer ein geeignetes Werkzeug seien.

 

Nach der Lektüre des Buches, das bei seinem Erscheinen einiges Aufsehen erregte, wollte ich wissen, ob das, was dort für das Hebräische berichtet wird, auch im Deutschen möglich ist. Dazu schrieb ich im Anschluß an einen Spaziergang spontan, ohne auf besondere Wortwahl und Struktur zu achten, den folgenden Text auf:

 

Die Alster. Wer nach Hamburg kommt, kennt die Aussen- und die Binnenalster, doch ist das nicht alles. Manche wandern am Alster-Oberlauf, schon auf schleswig-holsteinischem Gebiet, oder fahren in kleinen Booten dort, wo die Alster nur noch ein schmales Fluesschen ist. Ich selbst wohne nicht weit entfernt von der Stelle, wo die Alster ihren Ursprung hat. Nur feuchtes Moor findet man da. Die Alster sprudelt nicht aus einer richtigen Quelle. Erst ganz allmaehlich rinnt das Wasser aus der Umgebung zu einem kleinen Bach zusammen, der sich, langsam breiter werdend, in vielen Windungen durch die Wiesen schlaengelt.

 

Entfernt man die Leer- und Satzzeichen und macht alle Zeilen gleich lang, so ergibt sich mit lauter Großbuchstaben zum Beispiel:

 

DIEALSTERWERNACHHAMB DIEALSTERWERNACHHAMB

URGKOMMTKENNTDIEAUSS URGKOMMTKENNTDIEAUSS

ENUNDDIEBINNENALSTER ENUNDDIEBINNENALSTER

DOCHISTDASNICHTALLES DOCHISTDASNICHTALLES

MANCHEWANDERNAMALSTE MANCHEWANDERNAMALSTE

ROBERLAUFSCHONAUFSCH ROBERLAUFSCHONAUFSCH

LESWIGHOLSTEINISCHEM LESWIGHOLSTEINISCHEM

GEBIETODERFAHRENINKL GEBIETODERFAHRENINKL

EINENBOOTENDORTWODIE EINENBOOTENDORTWODIE

ALSTERNURNOCHEINSCHM ALSTERNURNOCHEINSCHM

ALESFLUESSCHENISTICH ALESFLUESSCHENISTICH

SELBSTWOHNENICHTWEIT SELBSTWOHNENICHTWEIT

ENTFERNTVONDERSTELLE ENTFERNTVONDERSTELLE

WODIEALSTERIHRENURSP WODIEALSTERIHRENURSP

RUNGHATNURFEUCHTESMO RUNGHATNURFEUCHTESMO

ORFINDETMANDADIEALST ORFINDETMANDADIEALST

ERSPRUDELTNICHTAUSEI ERSPRUDELTNICHTAUSEI

NERRICHTIGENQUELLEER NERRICHTIGENQUELLEER

STGANZALLMAEHLICHRIN STGANZALLMAEHLICHRIN

NTDASWASSERAUSDERUMG NTDASWASSERAUSDERUMG

EBUNGZUEINEMKLEINENB EBUNGZUEINEMKLEINENB

ACHZUSAMMENDERSICHLA ACHZUSAMMENDERSICHLA

NGSAMBREITERWERDENDI NGSAMBREITERWERDENDI

NVIELENWINDUNGENDURC NVIELENWINDUNGENDURC

HDIEWIESENSCHLAENGELtHDIEWIESENSCHLAENGELt

 

Zuerst fielen mir als "verschlüsselte" Wörter die bunt hervorgehobenen auf: LEBE, ICH, IM und DORF. Das letzte ist von oben rechts nach unten links zu lesen, wie es öfter in dem genannten Buch geschieht. Alle vier lassen sich zu einem Satz zusammenfügen: ICH LEBE IM DORF. In meinem Fall stimmt er sogar - ich lebe in einem Dorf -, doch das nur  nebenbei.

    

Erst nach und nach erschlossen sich mir weitere versteckte Wörter, insgesamt über vierzig. Orange geschrieben sind im rechten Feld ALT, AN, AUF, AUS, DEN, DER, DIEB, DU, EI, EIN, ENDE, ENGEL, ER, ERDE, ERST, EUCH, GABE, HIN, HIRT, IN, LEER, LEINE, NEU, NIE, NUR, OHNE, RAT, REBE, ROT (diag., rückw.) SEE, STERN, STICH, TAU, TEE, TOD, TOR, WAS, WIE; dazu EHE, (nochmals) NEU (beide rückwärts) und ROSE (von unten nach oben; jeder zweite Buchstabe gilt). Nicht oder nur zum Teil orange gefärbt sind ERFAHREN, REITER, RUDEL, LAMA (letzteres rückwärts).

 

Der obige Text besteht nur aus 500 Buchstaben. Werden es wesentlich  mehr, so ist zu erwarten, daß die Anzahl verborgener Wörter ebenfalls zunimmt. Manche davon werden auch länger sein als die aufgelisteten und können außerdem in einem bedeutungsvollen Zusammenhang miteinander stehen. Die in dem Buch über den "Bibelcode" untersuchten Teile des Alten Testaments enthalten über 600-mal soviel Buchstaben; deshalb erscheint es nicht allzu verwunderlich, daß in ihnen gelegentlich Namen von Präsidenten und Diktatoren, Hinweise auf Attentate, Revolutionen, Erdbeben und Epidemien, ja selbst auf den Weltuntergang gefunden werden.

 

Von Einfluß ist bei alledem noch die Zeilenlänge. Verändert man sie, fallen bestimmte Wörter nicht mehr auf, während andere neu hervortreten. Das bedeutet, daß es beim Entschlüsseln in der Art des "Bibelcodes" nicht nur auf den benutzten Text, sondern auch auf dessen Aufteilung in Zeilen ankommt. Die Chancen, mit Computerhilfe vorgegebene Suchbegriffe herauszufiltern, werden dadurch weiter erhöht. Zu berücksichtigen ist außerdem, daß im Hebräischen nur Konsonanten geschrieben werden, so daß bestimmte Buchstabenkombinationen, beim Lesen durch Vokale ergänzt, ganz Verschiedenes bedeuten können.

 

Anders als Drosnin glaube ich deshalb nicht, daß die Bibel ein "Riesen-Kreuzworträtsel" ist und die von ihm mitgeteilten, durchaus beeindruckenden Ergebnisse historischen oder gar prophetischen Wert besitzen.

 

HJC (1998)

Nachtrag:
Noch weniger glaubhaft als der angebliche "Bibelcode" ist der Inhalt des Buches "The Da Vinci Code" des Amerikaners Dan Brown, deutsch mit dem Titel "Sakrileg". Darin wird behauptet, Jesus sei verheiratet gewesen und hätte eine Tochter gehabt, von der das Königsgeschlecht der Merowinger abstammte. Der Roman beginnt mit einer verworrenen Kriminalstory, vgl. die Handlungsübersicht auf der ihm gewidmeten Wikipedia-Seite. Einzusortieren in die Rubrik Fiction, Fantasy, stellt er nichts Reelles dar und ist Wasser auf die Mühlen von Gegnern des Christentums. Gläubige Christen, die davon gehört haben, werden ihn so oftmals gar nicht erst lesen. Zu ihnen gehöre auch ich. Fachleute in allgemeiner, Kirchen- und Kunstgeschichte stellen in dem Roman zahlreiche Irrtümer und Fehler fest, die dem Laien meistens nicht auffallen. Das Buch soll spannend geschrieben sein. Die Auflage ist hoch, denn das mögen viele Leute: bizarr ausgedachte Morde, Verschwörungstheorien, Geheimgesellschaften, Mystisches wie den "Heiligen Gral", dazu eine Prise Sex. Verwendet werden falsch interpretierte, zum Teil gefälschte Quellen, und nicht alles, was in "Sakrileg" zusammengesponnen ist, stammt von dem Autor selbst. Deshalb wurde er von Vorgängern mit ähnlicher Zielsetzung des Plagiats bezichtigt.
Dem Roman entgegen wirken Bücher wie "Das wahre Sakrileg" von Alexander Schick. Darüber gibt es hier Seiten im Internet.

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